30.12.2014 erster tag.meine kleinbürgerliche erde

Die Reinigungstaten sind verrichtet. Gestern abend begleitete mich Elisabeth Bishop in den Schlaf. Während der Reinigungsarbeiten – allem voran das Saugen – begegnete ich in Gedanken erneut meiner Mutter. In meiner Vorstellung sah ich die geputzte kleinbürgerliche Wohnung, die kein Staubkorn übrig lässt. In der Vorstellung existiert hier Lebendigkeit. Die Vorstellung ist dabei durch das Romantisieren von Rosamunde Pilcher Filmen noch einheitlicher, während der Körper meiner Mutter starr auf dem Sofa festgenagelt scheint. In der Einsamkeit nach außen und im inneren ein rosa schimmerndes

Lebenshaus gebaut auf dem Gerüst: „Was hätte alles sein können“ Die kleinbürgerliche Hülle beschäftigt mich tief. Mit diesem Atemzug entstand das heutige Fotos. Der Putzeimer von gestern und die hängenden Blätter der Banana, nach dem der erste Schnee schockte. Meine geordnete Form der Kleinbürgerlichkeit präsentiert auf dem Boden der Tatsachen. Ich entgleite in verschiedene Welten und suche nach dem Verbindungsstück. Diese Suche ist weniger mit einem Ziel verbunden, sondern mehr mit dem Wunsch

Wege zu gehen und nicht erstarrt liegen zu bleiben. Lediglich in der Kraft der Vorstellung auf rosa Wolken fliegend. Wenig später suchte ich im Netz nach Anton Tschechow, was ich las, erfreute mein Herz. Trotzdem übe ich mich in Geduld und stürme nicht gleich wieder alle Internet-antiquariate. Die Geduld setzte sich in meinen Geist und dieser öffnete sich für Neues. So suchte ich im Bücherregal voller Überzeugung nach Anna Seghers. Ich fand nichts. Dabei hätte ich meine Hand ins Feuer gelegt, dass „Das siebte Kreuz“ auf mich wartet. Bei der Suche stolperte ich über Judith Butler. Die Finger blätterten und berührten das Papier. Eine Stelle lies mich innehalten:

„Die Geschlechtsidentität ist ein komplexer Sachverhalt, dessen Totalität ständig aufgeschoben ist, d.h. sie ist an keinem gegebenen Zeitpunkt das, was sie ist. Daher wird ein offenes Bündnis Identitäten bestätigen, die entsprechend den jeweils vorhandenen Zielen wechselweise instituiert und aufgegeben werden. Ein offenes Bündnis ist eine offene Vereinigung, die vielfältige Konvergenzen und Divergenzen zulässt, ohne dem normativen Telos einer definitorischen Geschlossenheit zu gehorchen.“ (Das Unbehagen der Geschlechter, S.37)

Soeben frage ich mich, ob die Einnahme von Magnesium auch die Verdauung anregt. Ich sollte dies googeln. Gestern dachte ich daran, dass meine Mutter ganz selten schützend hinter mir stand, insbesondere wenn andere Menschen an mir gezogen haben. Heute war dieser Gedanke schon fast wieder im Nichts verschwunden. Jetzt steht es fest hier.

die bernsteinfrau