Ich wollte alles werden, nur nie und auf keinen fall ein wendehals

wendehals04.01.2015

manchmal, wenn ich ganz versunken bin in der aufgabe, gefühle mit farben, linien und formen auf ein blatt papier wachsen zu lassen – begegne ich leitsätzen aus meiner kindheit. Leitsätze, die sich wie ein ermahnender zeigefinger, tief ins fleisch bohren und irgendwann willst du davor nur weglaufen. Flüchten vor der ermahnung und Linearität. Aus allen Ecken ertönten Warnungen. Angst breitete sich aus, nachdem die mauer eingerissen war. So – als würden tödliche Seuchen bald die herrschaft an sich reißen und einzig was, wir* uns* zum Auftrag gemacht haben – die reine Seele der Jugend retten -, die sich gegen die allmächtige Manipulationsmaschine massiv zur Wehr setzen muss und vor allem nicht abgleiten darf in das Meer aus Sehnsüchten, Begierden und überschätzten Träumen. Das Solide*, angemessene Bescheidenheit, weibliche* Höflichkeit sind ehrenwerte Eigenschaften mit denen wir es schaffen und all die Bedrohungen von außen in die Flucht schlagen werden.

An erster Stelle stand das Teufelskraut. Schon ein Atemzug würde genügen, um ähnlich wie Christiane F. in Bahnhofhallen rumzuhängen. Am Ende bliebe nur Prostitution und der baldige Tod. Dicht gefolgt von den Gefahren einer Sekte, die gestrandete Kinder, so wie wir sie waren, gern in die Fänge bekommen. Sekten würden uns eintrichtern, an etwas zu glauben, damit sie in uns willige Schäflein finden, die von Tür zu Tür tingeln, um Zeitschriften zu verkaufen. Das Schneeballsystem war mir bereits in der Pubertät ein Begriff, wie auch der Geschmack von Teufelskraut. Ganz unbemerkt und leise bauten wir uns unsere Nischen und schafften es trotz allem die Fassade für die Erwachsene aufrecht zu erhalten, damit deren Welt nicht noch mehr ins Wanken geraten sollten. Nickten brav ab, um uns dann heimlich vom Schulhof in die Büsche zu schlagen.

Über die Gefahren im Inneren lehrte uns niemand etwas und dass das Leben manchmal auch schön ist – am aller wenigsten.

Brav schwiegen wir, wenn Lehrer_innen uns die Welt erklärten. Manche waren zugezogen. Das Zuziehen in die Ostzone* schien manchen weniger zu gefallen, aber so bekamen sie* die Chance endlich reinen Tisch zu machen. Wie der Geographielehrer*, der uns einiges an Lehrstoff abnehmen wollte, in dem er erklärte: „Wir hier im Osten müssen doch wissen, was Entwicklungshilfe bedeutet.“

Als mein Blick heute mit dem Zug wanderte, erinnerte ich mich an einen steinharten unausgesprochenen Leitsatz: Die Verteufelung von Wendehälsen. Ich saß so im Zug und freute mich über die Sonne, die Landschaft und die Menschen. Es war voll und das pure Leben. Ich muss nicht mehr über Grenzen fahren, um zu erfahren, wie andere menschen, ihr leben füllen. Es reicht schon eine kleine Reise am sonnigen Sonntag von einer Großstadt in die andere. Dortmund kam mir unglaublich vertraut vor, obwohl ich noch nie einen Fuß in diese Stadt gesetzt hatte. Und plötzlich war sie wieder da – die Wut auf die Wendehälse. Zum Glück zwinkerte mir mein inneres Auge versöhnlich entgegen, so dass ich mir ein Grinsen nicht verkneifen konnte.

Die Gewissheit nahm Raum ein. Mir wurde klar, ich habe einen scheiß gegeben auf die angekündigten Gefahren. Ich wollte mich tot saufen am Meer der Begierden und Sehnsüchte. Grenzen sprengen, offene Türen nicht schließen. Als ich auszog, wollte ich alles werden und sein und alles am besten gleichzeitig. Aber eines wollte ich nie und auf keinen Fall, zurückkehren – um zu hören – ich sei ein Wendehals*.

die bernsteinfrau

ps.: bei näherer betrachtung und mit mehr licht im rücken sehe ich die infantile vorstellung sehr plastisch vor meinen augen. Das bild vom wendehals. Also ich meine, ein mensch mit menschenbeinen und armen – vielleicht ein kleiner bauch und nur der kopf ist der kopf eines Hahns. Also so richtig mit so einem Hahnenkamm, Schnabel und federn. Ist klar – eben so ein richtiger, echter wendehals. Weiß doch jedes kind*, ehrlich mal. Und wie lang manchmal so fünf minuten sind und welchen weg so ein zug in der gleichen zeit zurück legt. Wahnsinn.

 

 

Waschtag

waschtag03.01.2015

samstag; waschtag im strömenden regen zwischen waschsalon und wohnung. Neue lektüre. Das bücherregal kann die last bald nicht mehr tragen. Transgenerationalen traumatisierungen auf der spur. Spurensuche und was heißt eigentlich „Aufarbeiten“? Lediglich die trennung und aufteilung zwischen opfer* und täter_innen, polarisierung zwischen schuld und unschuld? Und in der gegenwart den wiederholungen der vergangenheit verfallen, weil menschen glauben*, verstand und intellekt können etwas lösen, bereinigen und verhindern, was sich im herz abspielt? Emotionen folgen dem zerschneidenen entweder-oder nicht. Meine augen verfolgen das drehen der wäschetrommel, das wasser läuft und es beginnt. Das verstehen von gefühlen und vor allem welche zu mir gehören und einen real* in meiner lebenswelt verankert sind. Diese gefühle differenzieren lernen von denen, die durch übertragungen raum in mir übernommen haben, ohne je in mir verortet gewesen zu sein. Ängste, die bedrohlich das herz zerreißen und das ganze system überschwemmen, während der kopf die welt nicht mehr versteht und verständnislos die augen vor dem elend verschließt. Schweigsam – und wie genau lautet der unterschied zwischen verschwiegenheit und bedrängendem verschweigen? Zwei diktaturen wiederhole ich gedanklich und lasse es mir auf der zunge zergehen. Bis vor ein paar tagen wusste ich nicht, dass nur ein paar Kilometer entfernt vom geburtsort meiner Oma ein KZ war. So ruhig diese Stille. Zwei diktaturen. Und ich lerne endlich zu unterscheiden zwischen mir und den anderen. Ich und du und wir … und mal sehen, was der Morgen bringen wird. Ich mag verregnete Waschtage.

die bernsteinfrau

der geist ist wie trüber schlamm

 

der geist ist wie trüber schlamm02.01.2015

Zu müde um nur einen klaren Gedanken zu Papier zu bekommen. Und trotzdem tapfer wach, denn etwas verpassen, kommt auf keinen Fall infrage, auch wenn der Hund längst im Bett liegt und bitterlich nach mir ruft. Ich lache und kratze die Reste vom Boden des Geschirrs.

die bernsteinfrau

magie im kleinen

die magie im kleinenZweiter Tag, ausgerechnet Silvester …. Reste von den Reisnudeln kleben am verbrannten Boden des Woks. Ein Tag, an dem alles anders kommt und ich von der Technik beherrscht werde. Alles läuft fehlerhaft und meine Anspannung in den Schultern reist bis hoch zum Kiefer. Die banalen Dinge des Alltags sollen schnell erledigt sein, damit Zeit für die sinnlichen Stunden bleibt. Aber nix. Gar nix. Und Sinnlichkeit auch ganz weit weg. Computerterror und zwischendrin das Knallen der Knaller. Alles wie immer. nix Neues. Vom Alltag überrannt bis die Uhr zwölf schlägt.

die bernsteinfrau

Oh stimmt nicht. Da gab es etwas Neues heute und wahrscheinlich zum ersten Mal. verdammt bin ich vergesslich. Grenzen setzen kann funktionieren und sogar Glücksgefühlen hinterlassen, wenn korrigierende Erfahrungen plötzlich mit Menschen möglich ist, von denen ich nie dachte, dass sie* es zulassen. Neben der technischen Pleite eine kleine alltägliche und scheinbar banale Revolution im Alltag, an die es sich lohnt, auch noch in einigen Jahren, daran zu erinnern. Meine Eltern haben verstanden, dass ich kein Roboter_in bin. fehler* sind ausdrücklich willkommen

Meine kleinbürgerliche erde

30.12.2014 erster tag.meine kleinbürgerliche erde

Die Reinigungstaten sind verrichtet. Gestern abend begleitete mich Elisabeth Bishop in den Schlaf. Während der Reinigungsarbeiten – allem voran das Saugen – begegnete ich in Gedanken erneut meiner Mutter. In meiner Vorstellung sah ich die geputzte kleinbürgerliche Wohnung, die kein Staubkorn übrig lässt. In der Vorstellung existiert hier Lebendigkeit. Die Vorstellung ist dabei durch das Romantisieren von Rosamunde Pilcher Filmen noch einheitlicher, während der Körper meiner Mutter starr auf dem Sofa festgenagelt scheint. In der Einsamkeit nach außen und im inneren ein rosa schimmerndes

Lebenshaus gebaut auf dem Gerüst: „Was hätte alles sein können“ Die kleinbürgerliche Hülle beschäftigt mich tief. Mit diesem Atemzug entstand das heutige Fotos. Der Putzeimer von gestern und die hängenden Blätter der Banana, nach dem der erste Schnee schockte. Meine geordnete Form der Kleinbürgerlichkeit präsentiert auf dem Boden der Tatsachen. Ich entgleite in verschiedene Welten und suche nach dem Verbindungsstück. Diese Suche ist weniger mit einem Ziel verbunden, sondern mehr mit dem Wunsch

Wege zu gehen und nicht erstarrt liegen zu bleiben. Lediglich in der Kraft der Vorstellung auf rosa Wolken fliegend. Wenig später suchte ich im Netz nach Anton Tschechow, was ich las, erfreute mein Herz. Trotzdem übe ich mich in Geduld und stürme nicht gleich wieder alle Internet-antiquariate. Die Geduld setzte sich in meinen Geist und dieser öffnete sich für Neues. So suchte ich im Bücherregal voller Überzeugung nach Anna Seghers. Ich fand nichts. Dabei hätte ich meine Hand ins Feuer gelegt, dass „Das siebte Kreuz“ auf mich wartet. Bei der Suche stolperte ich über Judith Butler. Die Finger blätterten und berührten das Papier. Eine Stelle lies mich innehalten:

„Die Geschlechtsidentität ist ein komplexer Sachverhalt, dessen Totalität ständig aufgeschoben ist, d.h. sie ist an keinem gegebenen Zeitpunkt das, was sie ist. Daher wird ein offenes Bündnis Identitäten bestätigen, die entsprechend den jeweils vorhandenen Zielen wechselweise instituiert und aufgegeben werden. Ein offenes Bündnis ist eine offene Vereinigung, die vielfältige Konvergenzen und Divergenzen zulässt, ohne dem normativen Telos einer definitorischen Geschlossenheit zu gehorchen.“ (Das Unbehagen der Geschlechter, S.37)

Soeben frage ich mich, ob die Einnahme von Magnesium auch die Verdauung anregt. Ich sollte dies googeln. Gestern dachte ich daran, dass meine Mutter ganz selten schützend hinter mir stand, insbesondere wenn andere Menschen an mir gezogen haben. Heute war dieser Gedanke schon fast wieder im Nichts verschwunden. Jetzt steht es fest hier.

die bernsteinfrau