BANALITÄTEN IM ALLTAG

Kunst(schaffen) _ Gesellschaft _ Therapie

Schlagwort: empowerment (Seite 1 von 2)

wort.lose Suchtipps

Lektüre für den Herbst:

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/immer-auf-der-suche

Seele und Totalitärer Staat

Tanizaki Jun’ichiro_Lob des Schattens

Konfus_was ist ein guter* blog?

wirre Gedanken. Beim Durchforsten des Netzes blicke ich am Ende frustriert noch weniger durch. Es regt sich Widerstand. Also ein guter Blog zeichnet sich durch das permanente Vernetzen und der Netzwerkarbeit aus; klares Thema und letztlich zählt die Verkäuflichkeit bzw. werden Vermarktungsmöglichkeiten der geschriebenen Informationen angepriessen. Wer übersteigt wen mit dem ganzen gegenseitigen – Klicken und Geklicktwerden – nur ganz wenige Sätze lese ich über die Möglichkeit, öffentliche Räume (wie das Internet) als Publikationsmöglichkeit zu nutzen, um sich selbst frei äußern, gestalten und in den digitalen Räumen bewegen zu können. Jene Form der Gestaltungsfreiheit, wo ES sich formt. Unabhängig vom sogenannten professionellen handwerklichen Können, was ohnehin meist mit dem Ziel gelehrt wird, eine breite Leser_innenschaft zu erreichen: Wie setze ich gekonnt Gefühle und Bilder ein, um Spannung zu erzeugen und menschliche Wahrnehmung manipulativ zu binden?

Ich bin genervt. Zu viel stehen Produkt und Erzeugnis kreativer Macharten im Mittelpunkt. Zu wenig Raum und Zeit bleiben für das achtsame Betrachten des Prozesses. Ein Prozess, welcher sich dem Zufall hingeben kann – ohne voraus_eilende Angst vorm Scheitern des Endproduktes.

So. formte. sich. das. gesicht. was. in. der. digitalen. Dimension. augenkontakt. verlor.

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Körp_er_Aneignungen

das dritte Jahr meiner kunsttherapeutischen Ausbildung nähert sich der img_0409Halbzeit; immer noch bin ich auf der Suche nach Auseinandersetzungen & Methoden rund um das Erspüren, stärkende Aneignen und weniger feindlichen Verbindungen & Kontakt zum Körper; aber dies nicht in binären männlich-weiblich Dualität, welche zu oft und zu eng mit sozialen Zuschreibenden, Erwartungen und ausschließenden Kategorisierungen einhergehen – welche tief verinnerlicht zu häufig dafür sorgen, sich selbst und andere* einzuschränken. Bestimmte Körperbewegungen werden als männlich oder weiblich gelesen; weichere* Anmutung wird in eine geschlechtliche Kategorie gesteckt und innerlich muss ich mich ständig wehren.

Wehren gegen Einordnungen und kämpfen für den inneren Kontakt zu mir meinen Bedürfnissen, Impulsen und Emotionen, die frei atmen wollen – ohne männliche oder weibliche Lesarten. Körperstellen, die erst leise sprechen, wenn s_ie sich nicht gehemmt fühlen aus Sorge, ein Bedürfnis könne achtlos in einer Schublade versauern.

Die Körpertherapien (im psychotherapeutischen Bereichen), denen ich bisher begegnet bin (theoretisch und teil praktisch), ordnen sich ein – in eine binäre Lesart, die weniger befreit – sondern das Individuum wieder fruchtbar* macht für heteronormative Gesellschaftsstrukturen. Dabei steht wohl im Mittelpunkt, dass Ablehnung zum Körper in einen Zusammenhang mit einer ablehnenden Haltung gegenüber einer männlichen oder weiblichen Seite gestellt wird. Sprich: Ablehnung gegen eine väterliche oder mütterliche Komponente. Bedürftigkeit, die nicht gestillt worden ist in der Kindheit von Vater oder Mutter. Jedoch wird verschwiegen, dass eine feindliche Haltung zum eigenen Körper wohl durch das weibliche und/oder männliche Getrimmtwerden & sich selbst getrimmt fühlen, um dazu gehören zu dürfen, und die fehlenden Alternativen, um sich aus der Enge befreien zu können, sich wesentlich stärker ins Fleisch gebrannt haben.

Ich warte auf Alternativen, welche Weichheit und Härte (u.a.) aus den Fängen der binären geschlechtlichen Zwangsjacke befreien. Damit ein Mensch in Kontakt mit körperlichen Bedürfnissen, sich selbst fühl- und erlebbar erfahrend im Fluss und Wandel mit Vergänglichkeit, Hautbegrenzungen und innerer Weite achtsam und liebevoll erspüren darf – ganz frei und selbst*bestimmt von äußerer und innerer geschlechtlicher Lesbarkeit.

P.S.: Eine Suche nach Antworten* kann (immer) nur deine persönliche Suche nach Fragen & Antworten sein; alles* wandelt sich – es bleibt im Fluss der Veränderung überall und nirgends.

sicher*_Sein

manchmal reißt dich ein Ereignis aus dem Alltag und nach ein paar tagen kehrt alles wi(e)der zu den routinierten, eingespielten abläufen, die Sicherheit und Stabilität geben, um zu funktionieren.

Um zu funktionieren, wird nahezu jede_r Handgriff optimiert; zeit sparen. Zeit ansammeln, um später – wenn alles erledigt ist – darauf zurückgreifen zu können.

In der Zwischenzeit verliert sich vieles, was im Herzen tatsächlich brennt. So verschließen sich die Sinne für die genderqueeren* Himmelsrichtungen. Eigene feindlich-verinnerlichte Bilder, Stereotype und entsagten Sehnsüchten werden als Verbannt_e in den tiefen der innerlichen krust_artigen Landschaft an der kurzen Leine vermeintlich gebändigt. Scheinbar an der Leine zum Schweigen verurteilt, teilen s_ie sich mit _ ständig_zwischen den Zeilen_ die versteckten_ die verbannten_ werden täglich kleiner und kleiner_und deren aufgeplusterten Beschützer_innen größer und größer – bis eine spitze Nadel die Verletzlichkeit der fragile Membran testet; verbrauchte Luft schafft Raum für frischen Wind.

Im Zentrum wird sichtbar, die langen Pausen sind enttarnt; Pausenzeit vom gender*queer – Ruhephase – um mitspielen zu dürfen. Im Zentrum wird sichtbar; Ausschluss und fehlende Räume machen es notwendig die eigenen Aufräum- und Kehrutensilien stets bei sich zu tragen.

Wo ist es sicher?

Wer bewacht die Eingangstür?

ich dringe ein; lange Haare täuschen nur den mensch, d_er sich selbst im Spiegel vergisst!

Wachstum; von der Wurzel bis zur Spitze!

gefangene sind j_ene – im innen & außen – die helfen, den beton zu mischen für die Verfestigung von männlich* & weiblich*

be_ton bröckelt!

 Wem überlasse ich es, wie ich gelesen, einsortiert und ver_ortet werde?

Haut trennt mich, begrenzt mich von dir zu mir;

innen_außen

dazwischen der einordnende blick

obwohl wir* wissen, dass es auf die ART scheitern wird.

In der Pause tarnt sich die Täuschung, um heimlich in der Mitte der Gesellschaft anzukommen.

an der Eingangstür überlasse ich mich dem Röntgenstrahl,

um auf der binären Bühne ein Stück von der Torte

in mich stopfen zu können,

welch_es ich nach dem Fallen des Vorhangs

über de_r Klo_

_schüssel auskotze.

Ergänzung:

„Was passiert, wenn ein Trans-Musikx und ein Butch-Geschichtenerzählx eine Show ohne besonders queeren Inhalt machten? Würden wir dadurch ein größeres Mainstream-Publikum gewinnen? Könnten wir die Show an große Theater und Festivals verkaufen? Würden wir besser zu vermarkten sein, wenn wir unsere super Homo-identitäten versteckten und über gewöhnliche Dinge sängen und Geschichten über hauptsächlich straighte Leute erzählten? Es zeigte sich, die Antwort auf all diese Dinge war: Ja.“ („goodbye gender“ Rae Spoon & Ivan E. Coyote)

…wald vor lauter bäumen

…. da dachtest du d_ie Blindheit, mit d_er du* durch binäre Sozialisation verblenimg_0389det bist, sei bereits geklärter und mit Weitsicht überschrieben …. nix da!

vor lauter bäumen blind für die Einhörner_innen

 

im Wald. Nach den bewegten Tagen in München auf der trans*inter*tagung erweitern sich innere Räume und versuchen sich nach Außen zu artikulieren.

verbundene Sequenzen zwischen Kognition, Deutung, Erklärung und den Wellen von Scham, Unbehagen, Angst – Verstecke lassen sich bergen; Schutzräume werden an den Innenwänden mit Plüsch ausgekleidet und am Ende des Tages passen keine (Begehren)Labels und Zuschreibungen mehr; die sich meist in der binären Zweigeschlechtlichkeit formten, um die Sehnsucht nach Ver_ortung stillen zu können. Vor dem Schlafengehen erinnere ich mich an einen Sommertag im Hof meines Onkels; unbedarft und voller Lebendigkeit spreizte ich beim Sitzen meine Beine. Noch heute spukt die Ermahnung meiner Oma im Ohr: „Mädchen, sitzen so nicht!“ Morgen nach dem Aufwachen werde ich mir jen_e vergessene und in den dunklen Scham*bereich verdrängte Körpergeste mutig & stolz wieder aneignen. Versunken im performativen Akt bin ich weder-noch; ich streiche weder das sie* noch das er*; ich unterstreiche d_en Wandel und das Ineinanderfließen in der Gegenwart und erprobe meine Blindheit; vielleicht führt mich bald ein kleines* Einhorn durch den düsteren Wald. Ich besorge schon mal Batterien für die Taschenlampe und übe, übe, übe!

Überreife Zeiten oder wie wäre es mit einem Gütesiegel für Fahrschulen?

12.März 2016

… im Jahr 1999 hielt ich meinen Führerschein in der Hand. Sechzehn Jahre später traute ich mich ans Steuer. Einerseits überforderte mich die neugewonnene Bewegungsfreiheit und andererseits wühlte die Wut in mir. Nach ein paar Fahrstunden in einer Kölner Frauenfahrschule wagte ich mich auf die Straßen. Zugegebenermaßen bewaffnet und vollgestopft mit Rescue- Präparaten rollte ich das Auto über den Asphalt, aber es lief.

Während im Jahr 1999 ich wohl eher gewillt war, den Führerschein wie eine Trophäe, für die ich in den Ring steigen musste, zu lagern – damit nie_mensch auf die Idee käme, mir dieses Dokument wieder abzunehmen. Es war der Beleg, dass ich unzählige Fahrstunden überlebt hatte. Kurz vor dem Abitur schlug es in eine Welle um. Alle* leisteten sich den Führerschein, um mobil, flexibel und beweglich zu sein. Kaum vorstellbar wäre es gewesen, sich auf dem Arbeitsmarkt ohne diesen Lappen zu präsentieren.

Ich war eher gelassen, konzentriert auf den baldigen und ungeduldig erwarteten Beginn des Studiums; trotzdem beugte ich mich der elterlichen Sorge um die Zukunft (ohne Führerschein verloren und ausgeschlossen zu sein).

Heute weiß ich, sich äußeren Erwartungen hinzugeben und anzupassen, entpuppt sich meist als Einbahnstraße. Im Grunde wurde es schlimmer. Unendlich viele Fahrstunden, drei praktische Prüfungen nicht bestanden und das Schuldgefühl, die arbeitslosen Eltern endgültig in den finanziellen Ruin zu treiben, verbiß sich schmerzvoll im Nacken. Es wurde noch schlimmer. Nämlich durch diese sabbernden männlichen* Fahrlehrer, die mit jedem Satz, der ihre geifernden Münder verließ, sexistische Kack scheiße verbreiteten. Statt geduldig einfache Regeln, Tipps und Hinweise zu vermitteln, damit Fahrschüler_innen weniger verängstigt und unsicher in die nächste praktische Fahrprüfung starten können.

Und heute im Jahre 2016 ist es noch viel schlimmer: Indem weiterhin Frauen*, während sie* um an (Bewegungs)Freiheit, Unabhängigkeit und Autonomie zu gewinnen, sich in einem Fahrschul-Auto anschnallen, sexistischen Übergriffen unter der Gürtellinien ausgeliefert* sind. Wahrscheinlich – so wie ich als achtzehn Jährige damals – am Ende der Fahrschulzeit Frauen* froh sind, keinen physischen Angriffen ausgesetzt gewesen zu sein, landet der Führerschein schnell in der verdrängten Dunkelheit. Ähnlich wie die unsichtbare Tatsache, dass die subtile Bedrohung eines physischen Angriffs durch den Fahrlehrer auf den hinteren Sitzen des Autos in jeder Stunde mitfuhr.

So kam es, dass ich (nach dem die Wut über vergangenen und heutigen Sexismus im Alltag hörbare Worte fand) neulich mit einer Bekannte, die frisch die Führerscheinprüfung bestanden hatte, mir einig war. Es ist überreif – die Zeit schreit nach einem Gütesiegel für Fahrschulen, die geschult sind und geprüft werden, was  es bedeutet verantwortlich und professionell zu handeln – unabhängig vom scheinbar äußerlich lesbaren Geschlecht –  Ein Siegel, um Fahrschüler_innen stark für die Straßen zu machen; was es heißt, gewaltfrei zu kommunizieren, angstfrei zu lernen und Ressourcen zu teilen.

Zum Weiterlesen: https://wineandvaginas.wordpress.com/2015/08/03/apropos-fahrschule/

sprachlos; ist selten ohne worte

Sonntag, 16.08.2015

und trotzdem meist leise. Manchmal springt nur der leere Satz entgegen, es fehlen die Worte … und manchmal in tieferen Erdschichten baden die verschiedenen Teile des Selbst im Getöse der Sprachgewalt, lassen sich ungeniert beobachten, was deren Freude keinen Abbruch verschafft. Es scheint fast unter Beobachtung laufen alle* zu Höchstleistungen auf.

Neue Erfahrungen öffnen neue Türen, wenn ich den Türgriff fest entschlossen in die Richtung führe, der ich gern entgegen laufen möchte. Sich einlassen auf neue Materialien und dabei seine eigene Sprache wieder (neu) (er)finden. Der Stein hätte mich fast in die Flucht geschlagen. Statt kontrolliert den Stein mit Bewegung zu formen, spürte ich den knallharten Widerstand – dem ich lieber mit Sprengstoff begegnet wäre als mit geduldigem Hämmern. Mittlerweile weiß ich um die Chance – erneut mit körperlicher Präsenz und Energie zielsicher den Türgriff zu führen. Die Beharrlichkeit der Kampfkunst trägt Früchte und zahlt sich aus. In allem wohnt der Anfänger*innengeist; so auch im Stein fühlt er* sich zuhause und lässt nicht locker. Bis das Harte butterweich mit den Bewegungen des Körpers verschmilzt und im Fluss der täglichen Wiederholung;  gesonnt im Licht der Selbstverständlichkeit(en) Gestalt annimmt.

ansichten

In der letzten Woche drehte das Thema „Wider der Eindeutigkeit und das Aufbrechen der Zweigeschlechtigkeit“ Runden in meinem Kopf. Es schwamm im Wasser der weiblichen Sozialisation und der verinnerlichten Mythen und ringt mit jeder Runde, dem entkommen zu können, um sich selbst nicht Steine in den Weg zu werfen.

zweiter_steinUnd prompt liegt ein zweiter Stein zur Bearbeitung bei mir auf dem Tisch. Nach eingehender Betrachtung sprach das Stein_Chamäleon zu mir, was nun zum Leben erweckt werden will.

Zwischendrin führe ich den bokken und freue mich wie eine Schneekönig*in im Sommer, die nach bald vier Monaten Kenjutsu Training plötzlich Serie eins und Großkata eins unterscheiden kann. So lohnt sich auch ein zufälliger Blick ins kleine Schwertbüchlein und was sagt es:

„Was ist nun das ‚Ich‘ des wahren Selbst? Es ist das Selbst, das bereits vor der Teilung von Himmel und Erde existierte und vor der Geburt der eigenen Eltern – vor allem, was geboren wurde. Es ist das Selbst, das nicht stirbt, das Selbst der Ewigkeit. Menschen, Vögel, wilde Tiere und Pflanzen – sie alle besitzen dieses Selbst. Das Universum ist davon erfüllt.“ (aus: Das Tor zur heiteren Gelassenheit. Zen und Kampfkunst, Takuan Soho)

bernsteinfrau

fabelhafte Wesen* _ es schreibt sich selbst_

Sonntag, 21.06.2015

Ich lasse meine blog-schreibübungen sehr schleifen. Und manchmal macht genau das Sinn, da sich in jenen Zeiten der Unregelmäßigkeit die Gewissheit stärkt, dass der rote Faden nicht verloren geht. Selbst wenn die Regelmäßigkeit ihren eigenen Fluss hat. So schreibe ich mit Linien fabelhafte Wesen, die den tiefen Weg des Atems folgen, den Kontakt halten und sich ausdrücken – zaghaft, rasant, brüchig, fragil, klar, punktuell, sanft, mit Nachdruck …

Ein Jahr rauchfrei. In diesem Jahr sind viele Bilder, Texte und Fragmente, die ich bewahren möchte, entstanden. Ganz selten spüre ich noch den Druck und erinnere mich plötzlich an den Glimmstängel, der vermeintlich mir Leben einhauchte. Es war ein Befreiungsschlag. Trotzdem bin ich auf der Hut und weiß, manchmal rollt mensch zu schnell rückwärts den Berg wieder bäuchlings herunter.

… weiter mit Aquarell, Acryl, Pastellkreiden, Bleistift, Tusche und dem handgeschriebenen Worte. So formen sich jeden Tag die Selbstbildnisse. Ich wünschte, ich hätte Flügel. Und im nächsten Augenblick beim Schließen der Augen, die Farben bahnen sich im Rinnsal des Wassers ihren Weg, stelle ich es mir vor … wie es wäre mit einem Gefieder, Schnabel und Flügel, die sich ausbreiten.

Ich habe vergessen, an welchem Tag von den 40. Tagen ich angelangt bin. Der Prozess zählt und der tägliche Kontakt mit meiner ganz eigenen Handschrift und dem Papier.

handmade

Donnerstag, 18.06.2015 | handmade

goldregen im herbst oder der geist in der flasche

Freitag, 19.06.2015 | Goldregen im Herbst oder der Geist in der Flasche

die drei heiligen geister auf dem vulkan

Samstag, 20.06.2015 | die drei heiligen Geister auf dem Vulkan

stimmen im wind betten sich auf taube ohren

Sonntag, 21.06.2015 | Stimmen im Wind betten sich auf taube Ohren

Und im trüben Licht der Wolken entschied ich mich heute für Tee und (über)hörte den Ruf des bokkens, dem ich morgen wieder folge.

Randnotiz

Karfreitag und darüber hinaus .,..

CAM00266Grundsätzliches …

Ich bediente mich früh (bereits in der Grundschule, wie alle anderen auch) dem Schreiben, um meiner Emotionalität und Gefühlswelt einen Ausdruck zu verleihen, den es im familiären Kontext in seiner Sensibilität und Geduld, der es für mich bedurft hätte, nicht gab. Die Ursachen für das Fehlen von emotionaler und empathischer Fürsorge sind sehr vielfältig und aus meiner Sicht nicht ungewöhnlicher als in anderen Familien, die Umbrüche, sozialen Abstieg und Entfremdung erleiden.

Das Malen trat später in mein Leben. In der Pubertät nutzte ich beides – Schreiben und Malen. Manchmal zog ich das Schreiben vor, weil ich hier zu einer größeren Klarheit und Transparenz neige – während das Malen – wie wohl so oft bei vielen Menschen – sehr einem Perfektionismus unterlag, im Sinne einer wenig hinterfragten, teilweise kleinbürgerlichen Ästhetik. Meine Mutter ist Anhängerin vom Sammeln von Porzellangänsen, Engeln aus dem Erzgebirge und diversen Schmuckgegenständen, die regungslos auf Abstellflächen von Anbauschrankwänden ihr Leben tristen. Der gedeckte Kaffeetisch musste meist ohne menschliche Begleitung auf Fotos festgehalten werden und an den Wänden hingen eher Bilder, die eine Untermalung jener Atmosphäre von scheinbarer Behaglichkeit und widerspruchsfreier Eindeutigkeit sein sollten. Während mein Vater in diesen Gestaltungsbereichen weniger Raum einnahm, obwohl hier und da sichtbar war, dass er zur See gefahren ist. Ich scheiterte an einer sogenannten wahrheitsgetreuen Abbildung der Realität, weil es mich langweilte und zu viel Verbissenheit kostete, was ich nie im Malprozess leisten wollte.

In meinem Herzen schlagen viele Seelen. Ich gehe von der Multiplizität des Selbst aus. Ich schreibe über meine Herkunft, Familie und Erlebnisse, um verständlich zu sein und etwas aufzuzeigen, was aus meiner Sicht exemplarisch für andere Menschen sein kann und mir selbst den Weg weist, den ich einerseits bereits abgelaufen bin und andererseits vor mir liegt.

Ich mag und verabscheue Kleinbürgerlichkeit. Und gerade deshalb fühle ich mich mit meiner Heimat, Familie und Herkunft sehr verbunden. Ich habe keinen Grund mit irgendetwas abzurechnen und Türen endgültig zu schließen.

Meine Familie ist meine Familie und denen fühle ich mich zugehörig – selbst in der Entfernung und Entfremdung. Ich habe das Glück, teilweise Antworten auf Fragen zu erhalten. Mein Großvater mütterlicherseits hat zwei Weltkriege erlebt und verantwortliche Funktionen eingenommen.Während der Großvater väterlicherseits für den Aufbau des sozialistischen System und die Umsetzung des Kommunismus kämpfte, damit aus seiner Perspektive die Gräueltaten des Nazi-Regimes sich nicht wiederholen. Der Glaube an eine Idee, Utopie und Vorstellung gehört trotz der Abwesenheit von Religion und Religiosität gewissermaßen zur Familientradition. Mein Vater, der sich weigerte in die „Partei“-fussstampfen seines Vaters zu treten und keinen Fuß nach dem Mauerfall fassen konnte.

Ich fühlte eine Form von Verpflichtung mich der Situation von DDR-Schriftsteller und das Verhältnis von Öffentlichkeit in der DDR als Diplomarbeit in der Soziologie anzunehmen.

Ich sah meine Eltern scheitern in einer Zeit, wo ich (und mein Bruder) selbst viel Orientierung nötig gehabt hätten. Ich versuchte mich sehr früh, der depressiven Stimmung, der Mutlosigkeit und Enttäuschung zu entziehen – vermutlich hier auch mit Überhöhung von Hoffnung, Zukunftsorientierung und Idealisierung von Menschen außerhalb des Familiensystems – weil mir klar war – ich muss weiterziehen. Für mich gibt es nicht Ost versus West und paradoxerweise habe ich all die Vorurteile und Stigmatisierungen verinnerlicht. Ich lernte theoretisch soziale Ungleichheit kennen, ohne ein Bewusstsein zu haben, dass es mich betraf in Form von Ausgrenzung, Chancenungleichheit und relativer Armut.

Darüber hinaus als Frau, deren Begehren nie eindeutig auf das männliche Geschlecht konzentriert war, sozialisiert zu sein – musste zwangsläufig auch hier die Auseinandersetzung, das Hinterfragen, innere Spiegeln und die Positionierung im Außen erfolgen.

Mich störte zunehmend die Kluft zwischen Theorie und Praxis. Zu Beginn meines beruflichen Lebens hatte ich ein Vorstellungsgespräch bei der Schering AG in Berlin. Ich spüre noch heute mein eigenes Verblüfft-sein, dass ein Unternehmen mich einlud, um mich selbst zu präsentieren. Ich war damals so erleichtert über mein Scheitern. Ich bin es noch heute …

Bereits als ich das Gebäude in Berlin betrat, wurde mir schlecht. Ich zog sogar einen Job im Call Center über eine Zeitarbeitsfirma vor, um den Gang – den ich von meinen Eltern sehr gut kannte – zum Arbeitsamt zu vermeiden.

2009 wechselte ich die Stadt und zog 500 Kilometer in die Ferne. Mir ging es in der Heimat mittlerweile sehr gut. Ich war etabliert und auf dem besten Weg mich beruflich im sozialen und frauenspezifischen Bereich weiter zu profilieren.

Dies unterscheidet mich. Ich gehörte zu denen, die sehr wohl über Gestaltungsräume verfügten. Wohl viel mehr – als in Großstädten, wo es solche Menschen mit viel größeren Spielräumen in den Bereichen von finanziellen Ressourcen, Kontakten , Talenten und Bildung (als ich sie je genossen habe) wie Sand am Meer gibt.

In der Fremde* musste ich mich zunächst daran gewöhnen, eher Außenseiter_in zu sein. Ich fühle eine stärkere Nähe und Verbundenheit zu Freund_innen, deren Eltern beispielsweise in Bulgarien leben. Ich bin gespalten, wenn ich an Wolf Biermann denke. Ich gehöre einer anderen Generation an und kämpfe mit Entwurzelung, einer Sehnsucht nach Heimat, Zugehörigkeit und Loyalität – in einer Epoche, wo mir als deutsche Staatsbürgerin und Inhaberin solch eines Reisepasses die ganze Welt offen steht.

Ich liebe die Großstadt, die Fragen nach Mehrheit und Minderheit zunehmend überflüssig erscheinen lässt, während Fragen nach sozialer Ungleichheit, Ausgrenzung und Armut immer drängender werden.

Ich habe selbst abgespalten auf verschiedenen Ebenen, um zunächst erst mal am neuen Ort ankommen zu können. So ist es jetzt an der Zeit, meinen bereits gegangenen Weg zu beschreiben. Ich klage nicht an. Ich bin dankbar und weiß um meine Privilegien und Ressourcen. Ich bin zufrieden, mich bewusst gegen bestimmte berufliche Stationen entschieden zu haben. Im Gegenzug darf ich erleben, wie es tatsächlich im Arbeitsalltag funktionieren kann in der Anerkennung und Wertschätzung von Unterschieden und Vielfältigkeit von Lebensverläufen.

Und auf dieser Basis erfolgt für mich die Beschreibung und all die Erinnerungen, die ich festhalten möchte, mit meiner eigenen Herkunft und Familie – selbst wenn manchmal Wut, Zorn und Ärger sich einmischen.

Der Mensch ist komplex und widersprüchlich. Spannungen sind Ambivalenzen, aus denen ich lerne. Ich sehe mich nicht als isoliert von anderen – selbst wenn ich sehr häufig aus meiner erlebten Perspektive berichte. Ich nutze die Ich-Perspektive, um Raum zu lassen für das Individuelle und Künstlerische und um weder das Soziologische noch das Psychologische gegeneinander auszuspielen.

Ich mache Fehler, und Scheitern als eine unausweichliche Konsequenz ist ein integraler Bestandteil des Alltags und gehört nicht in die Verbannung und verhindert, einem entmenschlichten Dogmatismus zu erliegen.

Meine Spurensuche ist nicht mehr oder weniger wichtig als die Spurensuche von anderen Menschen. Ich erinnere mich sehr genau, als wir im grünen Trabi im November 1989 die Grenze von Marienborn passierten. Die Freude und Euphorie und Sprachlosigkeit und ich erinnere mich an die tiefe Enttäuschung, Ernüchterung und Mutlosigkeit, die danach einsetze und eine andere Form von Sprachlosigkeit sich auf dem Sofa breit machte.

Spuren, Erinnerungen und Gefühle integrieren und vereinen – selbst wenn es auf den ersten Blick schier unüberwindbar widersprüchlich und in sich auflösend wirkt.

Grundsätzliches beim Schreiben über sexualisierte Gewalt und Gewalt (insbesondere gegen Frauen) …

Sexualität ist meiner Auffassung nach in allen gesellschaftlichen Bereichen ein Tabu. Sexualität, Sinnlichkeit und Begehren trenne ich streng von sexualisierte Gewalt und Sexismus, was mir sehr notwendig scheint. Es ist kein Geheimnis, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur eine kleine Gruppe von Menschen betrifft. Für Frauen ist eher der häusliche, familiäre Bereich und in anderen sozialen Kontexten (Arbeitsplatz u.a.) eine Gefahrenzone, während Gewalt im öffentlichen Raum weniger geschlechtsspezifisch scheint (wobei ich keine konkreten Zahlen kenne und nennen kann).

Rassismus, Homophobie, Transphobie, Sexismus gehören ebenso in diesen Bereich von Gewalt. Der Begriff Gewalt kann verschiedene Facetten umfassen und den Begriff von Macht und Herrschaft einschließen.

Ich bin müde, was die theoretische und soziologische Ebene von Gewalt betrifft. Ebenso habe ich wenig Interesse an Fallberichten (die sicherlich sehr notwendig sind, um das Thema weiterhin aus der Grauzone zu holen) – mir sind Empowerment und das Auflösen von starren Täter_innen und Opfer*-Dynamiken wesentlich wichtiger und ein weitaus größeres Anliegen. So dass hier Doing und Undoing gender und das Hinterfragen von Männlichkeits- und Weiblichskeitsbilder/konstruktionen mir relevanter erscheinen als das Reproduzieren von Stereotype. Zudem – wenngleich dies zu selten in öffentlichen Diskussionen Erwähnung findet – häusliche Gewalt in gleichgeschlechtlichen Beziehungen scheint (sofern es Zahlen darüber gibt) ebenso so häufig vorzukommen wie in heterosexuellen Beziehungen.(vgl.:http://www.broken-rainbow.de/material/BR_Bundeserhebung_02_04.pdf)

Um der Kluft zwischen Theorie und Praxis wenig Raum zu lassen, bedarf es der eigene biografische Auseinandersetzung. Verantwortung für das eigene Handeln und Gefühle übernehmen und den Fokus auf Stärkung von Ressourcen lenken und weniger die defizitäre Brille aufsetzen, die eher zu Schwarz-Weiß-Malerei tendiert. Zusätzlich bemerke ich, insofern sich immer mehr Begrifflichkeiten (wie (Cyber)Mobbing, Stalking, übergriffig u.a.) im alltäglichen Sprachgebrauch etablieren, um so weniger scheinen Fragen um Konfliktverhalten, Veränderungsprozesse durch persönliche Krisen und das Aushalten von unterschiedlichen Meinungen, Positionen und Werten eine Rolle zu spielen. Sich streiten, miteinander auseinandersetzen, anderen seine Meinung zumuten und Spannungen riskieren – und nicht immer die gleiche Haltung zu teilen und trotzdem in Kontakt und Beziehung zu bleiben – geräten in den Hintergrund. Während soziale Erwünschtheit und das vorab Assoziieren, was mein Gegenüber wohlwollend aufnimmt – scheinen dadurch ein höheren Stellenwert zu gewinnen. Anstatt den gesellschaftlichen Blick für menschenverachtende Aktionen, Darstellungen und Verhaltensweisen zu schärfen und Zivilcourage zu stärken.

Literaturtipps:

http://www.anschlaege.at/

http://maedchenmannschaft.net/

Ich besuchte eine Veranstaltung des Frauenfilmfestivals. Luise Reddemann (http://www.luise-reddemann.de/home/) saß im Podium und erzählte erfrischend, dass sie komplett auf Tagesschau im Privaten verzichtet. Manchmal bietet ihr der Arbeitsalltag genügend Einblick in das Weltgeschehen.

Bilder können für traumatisierte Menschen eine Zumutung und Trigger für Flashbacks sein. Dies möchte ich eher vermeiden. Es gibt genug davon.

Trotzdem will ich den Film „Festung“ empfehlen. Die Regisseurin Kirsi Marie Liimatainen (http://de.wikipedia.org/wiki/Kirsi_Marie_Liimatainen) war mit Luise Reedemann im Podium, erzählte authentisch über das Entstehen des Films und welch sensibler Umgang ihr bei der Umsetzung des Drehbuchs wichtig war. Das hat mich nachhaltig beeindruckt. Der Film lässt Gewaltszenen erahnen und traut sich den Blick durch die Augen der Töchter, die als Teil der Gewaltdynamik schon früh eine große Last tragen müssen und sich manchmal so über Generationen hinweg Gewalt fortsetzen kann. Um so wichtiger ist es den Blick auf Empowerment und die Stärkung von Ressourcen zu richten. Damit es hier und da vielleicht gelingt die Spirale von häuslicher Gewalt nachhaltig zu durchbrechen.

Bedingt durch das Studium der Soziologie, Wahlfach Philosophie, Auseinandersetzung mit Gewaltfreier Kommunikation (M. Rosenberg), Mediation und diversen anderen Handwerkszeug, (Re)Traumatisierung und Flucht, Homophobie & Transphobie & Rassismus, (Re)Traumatisierung durch unsicheren Aufenthaltsstatus v.m. – unterliege ich hier selbst einem sich stets wandelnden Prozess – was Gewalt (immer im Zusammenhang mit Macht und strukturellen wie auch gesellschaftlichen Rahmenbedingungen), Grenzverletzung und grenzüberschreitendes Verhalten in Abgrenzung zum Verhalten in Konflikten, meiner eigenen Biografie und persönlichen Erfahrungen und verinnerlichten Stigmatisierungen, Vorurteilen und Ängsten bedeutet – hier wird es wohl vor allem in der Interaktion mit anderen Menschen immer wieder neue Aspekte, Überraschungen und Wendungen geben – einfach weil das Leben nicht berechenbar ist –

so schlagen in meinem Herzen viele Seelen und es genügt, wenn ich beim Schreiben dem Künstlerischem* den Vortritt lasse, mich nicht zwingen es in Form zu bringen – sondern den fließenden Übergängen und leisen Momenten meine Aufmerksamkeit schenke, was ebenso die Begegnung mit den eigenen (selbst)zerstörerischen Energien, Wunden und Gefühlen von Trauer, Verlassensein und Einsamkeit einschließt – es liegt in meiner Hand und in meiner Entscheidung, wie ich es kreativ umsetze, um möglichst einen lebensbejahenden Kreislauf darzustellen trotz Hürden, Hindernissen und Hemmungen …

. und so grundsätzlich wollte ich mir heute mal Zeit für diese grundsätzlich Randnotiz nehmen, die (wenn auch nicht immer sofort sichtbar und greifbar) den schöpferischen Prozess beeinflusst, verändert und (weiter)entwickelt …

 

 

Worte können Bilder malen …

Donnerstag, 02.04.2015

Zurzeit lese ich jeden Tag in einem Buch und manchmal sind es sogar verschiedene Bücher – zusätzlich griff ich zu nach zwei Romanen, die ein wenig warten müssen.

Heute beschäftigt mich wieder das das Drama um hochbegabte Frauen* (ich verwende hier bewusst genderbezogene Pronomen und Bezeichnungen, um Unterschiede sichtbar zu machen, damit ein Hinterfragen und die Suche nach Alternativen und Dekonstruktion möglicher werden). Schon wenn ich den Satz aufschreibe, machen sich Abwehr und eigene Abwertungsmechanismen bemerkbar. Im Herbst des Jahres 2013 hatte ich beschlossen, ich brauche dringend ein Coaching, um wieder etwas mehr Licht in meinen beruflichen Weg zu bringen.

Es ist interessant, wie ich mich selbst täusche. Ich (be)nutze spezifische professionelle Haltung und Erfahrung, um mir selbst eine Form von Nützlichkeit und Berechtigung zu erlauben, die allerdings mit reinem Denken und Reflektieren gar nicht fassbar werden können. Hinter diesem hochgesteckten Ziel stand vielmehr der Wunsch, endlich das Schreiben als einen festen Bestandteil meines Lebens anzuerkennen, zu integrieren und den Mut zu finden, dies offenherzig nach außen zu tragen.

Schon in der ersten Coachingstunde sprach ich über das Verhältnis zu meinen Eltern, so dass „Coaching“ an dieser Stelle lediglich als Brücke zu meinem therapeutischen Prozess, der längst überfällig war, sich schnell wandelte und das berufliche Ziel als eine grundsätzliche Suche nach Sinn enttarnte. Je tiefer ich in diesen Prozess einsteigen, umso mehr wächst in mir die Befürchtung ein eher zurückgezogenes Leben zu führen. Andererseits strafe ich diesen Gedanken als lächerlich ab – es verdeckt die Scham. Und zeigt nur den Teil, der sich ans Licht traut, weil es wohl eher höfliches Mitleid auslöst und weniger Widerstand und Konfrontation mit anderen bedeutet. Grabe ich nämlich tiefer, entdecke ich Stolz und eine Form von Befriedigung, die sich einstellt, wenn ich jeden Tag in Windeseile Silben und Worte aneinanderreihe mit einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, die mich manchmal ein wenig überrascht.

Trotzdem nagt die Unzufriedenheit bzw. die Vorstellung Ungenügend zu sein wütet – das Lesen, Schreiben, die innere Auseinandersetzung sind isolierte Tätigkeiten, die einerseits Zeit in Anspruch nehmen und andererseits Entscheidungen nach Prioritäten im alltäglichen Leben bedürfen. Das Unbehagen bezieht sich auf den fehlenden Familien- und Beziehungsstatus und Fragen nach Austausch und Abkehr von erlernten/verinnerlichten Beziehungsformen, die als Spiegel durch weibliche* Sozialisation an mir kleben – den übertragenden Ansprüchen nicht genügen und dafür einen Preis zu zahlen, den ich vielleicht (noch) nicht bereit bin in Kauf zu nehmen. Oder versteckt sich dahinter mehr der Wunsch nach Bestätigung und Bestärkung durch andere, die dich antreiben, weil es plötzlich wieder Sinn macht, Worte aufs Papier zu bringen?

In der Schulzeit nahm ich an Schreibwerkstätten teil. Ich wurde sogar bevorzugt. Ich hatte es in Gruppen schwer, mich laut zu zeigen. Der Schriftsteller Heinz Kruschel hat mich begleitet. Er schrieb mir Briefe, ermutigte mich und bemühte sich mein Talent für mich selbst sichtbar zu machen. Früh las ich Texte zu den Landesliteraturtagen in Sachsen-Anhalt. Ich traute mich allein, ohne elterliche Bestärkung – und vielleicht fehlte genau dieser Zuspruch, um zu lernen, wie ich Widerstände von anderen nutze und aushalte, damit es gelingt selbständig der Welt zu begegnen – ohne Lehrer, ohne Mentoren, ohne Ratgeber und ohne mir selbst ins Knie Begegnung in mir und  mit anderen als Schlüssel für das kreative Schreiben? 

Mittlerweile gibt es unzählige Schreibratgeber. Ich bin darüber ein wenig verwundert. Damals schrieb mir Heinz Kruschel noch mit Federhalter und Tinte Briefe, gab preis – welche Autoren ihn bewegten und was an meinen Gedichten und Texten ihn berührt und was weniger stimmig ist. Er wäre vermutlich nie auf die Idee gekommen, mir einen Schreibratgeber zu empfehlen. Es ging um Kontakt, Beziehung und Austausch – und dies hatte ich bitter nötig. Durch Heinz Kruschel lernte ich die Autorin Brigitte Reimann kennen, Gottfried Benn und fühlte mich getragen von dem Gedanken, mein eigenes Leben mit Schreiben auszufüllen. Ich sah mich wie Brigitte Reimann, die begierig die Lebendigkeit genoss –

Heute sehne ich mich nach solchen Orten, wie ich es als junge Frau erfahren durfte – ohne diese Facebooks-likes, mit handgeschriebenen Briefen und Begegnungen, die von anderen Autoren, Künstlern, Bildern, Texte, Gedichte geprägt sind – ohne die mögliche Veröffentlichung, den nächsten großen Fang auf dem Buch- oder Kunstmarkt in den Mittelpunkt zu rücken –

Es sind freundschaftliche Bindungen, die Einsamkeit und die manchmal sehr in sich zurückgezogene Tätigkeit des Schreibens und Malens teilen können –.

Immer mal wieder erprobe ich mich. Ringe um eine klare Struktur, der ich im Schreiben folgen will. Wie schreibe ich einen Krimi? Wie erzeuge ich Spannung? Was ist ein richtiger Roman? Wie schreibe ich bloß kein langweiliges Drehbuch?

ich scheitere! Ich sehe vor mir Brigitte Reimann, die auf die Tasten ihrer Schreibmaschine in Hoyerswerda klopft als sie mit ihrem Ehemann und Autor S. Pitschmann dem Ruf der Bitterfelder Wege folgte …

Ich mag die Poesie und weniger die strengen Regeln von Genres und die für mich quälenden Auseinandersetzungen nach Zielgruppe, Publikumsgeschmack und Vermarktungsmöglichkeiten.

Heute gibt es Studiengänge, Ratgeber, Workshops und Coaching – und trotzdem hilft es nicht – denn entscheidend ist (für mich), wie halte ich die Einsamkeit beim Schreiben aus – im Moment des Schreibens sitze ich mir selbst gegenüber, führe innere Monologe, male Bilder mit Worten und reise auf dem Papier – jedoch vielleicht nicht im realen Leben – ich liefere mich der Innenwelt aus und muss im Außen anderen gestehen, dass ich den Abend allein mit mir verbrachte.

Ich schreibe Sätze mit der Hand oder der Tastatur, übermale geht am PC nicht – hier lösche ich. Wie mit einem Tintenkiller, wenn ein Wort nicht schön genug scheint, der angreift und vernichtet.

Es gibt sogar Skriptcoaching – wofür ich vermutlich ziemlich viel Geld hinlegen muss, ohne am Ende zu wissen, wie gehe ich mit Widerständen um – wie setze ich mich für etwas ein, woran ich glaube, während andere vermuten, dass ich versagen werde.

Wer schreibt noch Abhandlungen, Briefe und Essays nur um in den Gedankenaustausch und Kontakt mit anderen zu treten – ohne ein therapeutisches, beraterisches oder erzieherisches Ziel zu verfolgen?

Die innere Vielfalt versus der äußeren Bewegtheit (Fähigkeiten wie Small talk, Reisefotos posten, likes sammeln, immer unterwegs sein, schreiben im zug, am bahnhof, in cafés – nur selten auf sich selbst und reduzierte Reize zurückgeworfen)

Ich lese jetzt Frauenbriefe aus der Romantik – ein Buch, was mir mein damaliger (Lebens)Partner zum 22.Geburtstag schenkte, uns verband das Schreiben und Lesen und uns trennte unterschiedliche, sich widersprechende Vorstellungen und Erwartungshaltungen von Männlichkeit und Weiblichkeit und vermutlich der Nutzen einer Liebesbeziehung, die nicht im gemeinsamen Zeugen, Gebären und Erziehen von Kindern mündet.

Er wählte den akademisch-wissenschaftlichen Weg mit einer akademisch-wissenschaftlich orientierten Frau an seiner Seite und gründete eine Familie* … ich nicht …

und inwiefern ich selbst das Fehlen solcher Entscheidungen als Makel und Stigma betrachte, darin bin ich mir unschlüssig – vielleicht finde ich Antworten in Briefen von anderen Frauen oder woanders oder wo auch immer ….

„Es ist dieses Ringen um ein eigenes Selbst, das einem Menschen Stärke gibt, das eigene Selbst und gleichzeitig den Kontakt zu einer auf vielen Ebenen unwirklichen gesellschaftlichen Realität aufrechtzuerhalten. Aus solchem Ringen kommt auch Freude an der eigenen Lebendigkeit und der des anderen. Indem solch ein Selbst jedoch nicht ein abstraktes Bild eines Image ist, sondern ein Zustand der Verbundenheit mit den eigenen Gefühlen sowie mit denen der anderen, kann es nur bestehen, wenn das Ringen um solche Verbundenheit lebendig bleibt. […] Deswegen ist Lebendigkeit Wandel, nicht Beständigkeit: deshalb kommt Stabilität aus der Fähigkeit, Spannungen zu ertragen; und kein einzelner ist immun gegen die verführerischen Versprechungen einer konfliktfreien Existenz.“ (Arno Gruen aus: Der Verrat am Selbst. Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau. DTV-Verlag, 2009 S. 151)

Anmerkung: Natürlich sehe ich diese Auseinandersetzung nicht so im Absoluten Schwarz/Weiß und in einer Polarisierung zwischen Entweder/Oder und Wertung im Sinne eines Hierarchisieren, was besser oder schlechter sei – dies mag ich mir überhaupt nicht anmassen und unterliegt nicht meiner Einschätzung und Intention. 

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