BANALITÄTEN IM ALLTAG

Kunst(schaffen) _ Gesellschaft _ Therapie

Schlagwort: Selbst

Körp_er_Aneignungen

das dritte Jahr meiner kunsttherapeutischen Ausbildung nähert sich der img_0409Halbzeit; immer noch bin ich auf der Suche nach Auseinandersetzungen & Methoden rund um das Erspüren, stärkende Aneignen und weniger feindlichen Verbindungen & Kontakt zum Körper; aber dies nicht in binären männlich-weiblich Dualität, welche zu oft und zu eng mit sozialen Zuschreibenden, Erwartungen und ausschließenden Kategorisierungen einhergehen – welche tief verinnerlicht zu häufig dafür sorgen, sich selbst und andere* einzuschränken. Bestimmte Körperbewegungen werden als männlich oder weiblich gelesen; weichere* Anmutung wird in eine geschlechtliche Kategorie gesteckt und innerlich muss ich mich ständig wehren.

Wehren gegen Einordnungen und kämpfen für den inneren Kontakt zu mir meinen Bedürfnissen, Impulsen und Emotionen, die frei atmen wollen – ohne männliche oder weibliche Lesarten. Körperstellen, die erst leise sprechen, wenn s_ie sich nicht gehemmt fühlen aus Sorge, ein Bedürfnis könne achtlos in einer Schublade versauern.

Die Körpertherapien (im psychotherapeutischen Bereichen), denen ich bisher begegnet bin (theoretisch und teil praktisch), ordnen sich ein – in eine binäre Lesart, die weniger befreit – sondern das Individuum wieder fruchtbar* macht für heteronormative Gesellschaftsstrukturen. Dabei steht wohl im Mittelpunkt, dass Ablehnung zum Körper in einen Zusammenhang mit einer ablehnenden Haltung gegenüber einer männlichen oder weiblichen Seite gestellt wird. Sprich: Ablehnung gegen eine väterliche oder mütterliche Komponente. Bedürftigkeit, die nicht gestillt worden ist in der Kindheit von Vater oder Mutter. Jedoch wird verschwiegen, dass eine feindliche Haltung zum eigenen Körper wohl durch das weibliche und/oder männliche Getrimmtwerden & sich selbst getrimmt fühlen, um dazu gehören zu dürfen, und die fehlenden Alternativen, um sich aus der Enge befreien zu können, sich wesentlich stärker ins Fleisch gebrannt haben.

Ich warte auf Alternativen, welche Weichheit und Härte (u.a.) aus den Fängen der binären geschlechtlichen Zwangsjacke befreien. Damit ein Mensch in Kontakt mit körperlichen Bedürfnissen, sich selbst fühl- und erlebbar erfahrend im Fluss und Wandel mit Vergänglichkeit, Hautbegrenzungen und innerer Weite achtsam und liebevoll erspüren darf – ganz frei und selbst*bestimmt von äußerer und innerer geschlechtlicher Lesbarkeit.

P.S.: Eine Suche nach Antworten* kann (immer) nur deine persönliche Suche nach Fragen & Antworten sein; alles* wandelt sich – es bleibt im Fluss der Veränderung überall und nirgends.

sicher*_Sein

manchmal reißt dich ein Ereignis aus dem Alltag und nach ein paar tagen kehrt alles wi(e)der zu den routinierten, eingespielten abläufen, die Sicherheit und Stabilität geben, um zu funktionieren.

Um zu funktionieren, wird nahezu jede_r Handgriff optimiert; zeit sparen. Zeit ansammeln, um später – wenn alles erledigt ist – darauf zurückgreifen zu können.

In der Zwischenzeit verliert sich vieles, was im Herzen tatsächlich brennt. So verschließen sich die Sinne für die genderqueeren* Himmelsrichtungen. Eigene feindlich-verinnerlichte Bilder, Stereotype und entsagten Sehnsüchten werden als Verbannt_e in den tiefen der innerlichen krust_artigen Landschaft an der kurzen Leine vermeintlich gebändigt. Scheinbar an der Leine zum Schweigen verurteilt, teilen s_ie sich mit _ ständig_zwischen den Zeilen_ die versteckten_ die verbannten_ werden täglich kleiner und kleiner_und deren aufgeplusterten Beschützer_innen größer und größer – bis eine spitze Nadel die Verletzlichkeit der fragile Membran testet; verbrauchte Luft schafft Raum für frischen Wind.

Im Zentrum wird sichtbar, die langen Pausen sind enttarnt; Pausenzeit vom gender*queer – Ruhephase – um mitspielen zu dürfen. Im Zentrum wird sichtbar; Ausschluss und fehlende Räume machen es notwendig die eigenen Aufräum- und Kehrutensilien stets bei sich zu tragen.

Wo ist es sicher?

Wer bewacht die Eingangstür?

ich dringe ein; lange Haare täuschen nur den mensch, d_er sich selbst im Spiegel vergisst!

Wachstum; von der Wurzel bis zur Spitze!

gefangene sind j_ene – im innen & außen – die helfen, den beton zu mischen für die Verfestigung von männlich* & weiblich*

be_ton bröckelt!

 Wem überlasse ich es, wie ich gelesen, einsortiert und ver_ortet werde?

Haut trennt mich, begrenzt mich von dir zu mir;

innen_außen

dazwischen der einordnende blick

obwohl wir* wissen, dass es auf die ART scheitern wird.

In der Pause tarnt sich die Täuschung, um heimlich in der Mitte der Gesellschaft anzukommen.

an der Eingangstür überlasse ich mich dem Röntgenstrahl,

um auf der binären Bühne ein Stück von der Torte

in mich stopfen zu können,

welch_es ich nach dem Fallen des Vorhangs

über de_r Klo_

_schüssel auskotze.

Ergänzung:

„Was passiert, wenn ein Trans-Musikx und ein Butch-Geschichtenerzählx eine Show ohne besonders queeren Inhalt machten? Würden wir dadurch ein größeres Mainstream-Publikum gewinnen? Könnten wir die Show an große Theater und Festivals verkaufen? Würden wir besser zu vermarkten sein, wenn wir unsere super Homo-identitäten versteckten und über gewöhnliche Dinge sängen und Geschichten über hauptsächlich straighte Leute erzählten? Es zeigte sich, die Antwort auf all diese Dinge war: Ja.“ („goodbye gender“ Rae Spoon & Ivan E. Coyote)

fabelhafte Wesen* _ es schreibt sich selbst_

Sonntag, 21.06.2015

Ich lasse meine blog-schreibübungen sehr schleifen. Und manchmal macht genau das Sinn, da sich in jenen Zeiten der Unregelmäßigkeit die Gewissheit stärkt, dass der rote Faden nicht verloren geht. Selbst wenn die Regelmäßigkeit ihren eigenen Fluss hat. So schreibe ich mit Linien fabelhafte Wesen, die den tiefen Weg des Atems folgen, den Kontakt halten und sich ausdrücken – zaghaft, rasant, brüchig, fragil, klar, punktuell, sanft, mit Nachdruck …

Ein Jahr rauchfrei. In diesem Jahr sind viele Bilder, Texte und Fragmente, die ich bewahren möchte, entstanden. Ganz selten spüre ich noch den Druck und erinnere mich plötzlich an den Glimmstängel, der vermeintlich mir Leben einhauchte. Es war ein Befreiungsschlag. Trotzdem bin ich auf der Hut und weiß, manchmal rollt mensch zu schnell rückwärts den Berg wieder bäuchlings herunter.

… weiter mit Aquarell, Acryl, Pastellkreiden, Bleistift, Tusche und dem handgeschriebenen Worte. So formen sich jeden Tag die Selbstbildnisse. Ich wünschte, ich hätte Flügel. Und im nächsten Augenblick beim Schließen der Augen, die Farben bahnen sich im Rinnsal des Wassers ihren Weg, stelle ich es mir vor … wie es wäre mit einem Gefieder, Schnabel und Flügel, die sich ausbreiten.

Ich habe vergessen, an welchem Tag von den 40. Tagen ich angelangt bin. Der Prozess zählt und der tägliche Kontakt mit meiner ganz eigenen Handschrift und dem Papier.

handmade

Donnerstag, 18.06.2015 | handmade

goldregen im herbst oder der geist in der flasche

Freitag, 19.06.2015 | Goldregen im Herbst oder der Geist in der Flasche

die drei heiligen geister auf dem vulkan

Samstag, 20.06.2015 | die drei heiligen Geister auf dem Vulkan

stimmen im wind betten sich auf taube ohren

Sonntag, 21.06.2015 | Stimmen im Wind betten sich auf taube Ohren

Und im trüben Licht der Wolken entschied ich mich heute für Tee und (über)hörte den Ruf des bokkens, dem ich morgen wieder folge.

Unmengen an Bildern im Selbst*

Samstag, 06.06.2015

und trotzdem springen mir die Wiederholungen ins Gesicht. Der Alltag zersplittert sich manchmal in Pflicht, Verpflichtung und scheinbar nahe liegende Verrichtungen, die erledigt werden wollen (müssen*), um die klare Sicht nicht zu blenden.

Nur wer blendet hier wen?

Erst das Abarbeiten im Alltag, das tägliche Brotverdienen gefolgt vom routinierten Innehalten bis endlich Zeit zum Schlafengehen eingeläutet ist – so als gäbe es ein*e imaginäre Beobachter*in, die bestimmt und kontrolliert all die passenden Abläufe. Jen*e, die sich als Wegweiser*in ausweist, um zu herrschen und zu beherrschen – damit nichts aus den Bahnen läuft und der Boden unter den Füssen glatt und eben bleibt.

So treffen sich die Wiederholungen auf dem Papier in den Bildern, die zwischen Tür und Angel entstehen.

Vierzig Tage ein (Selbst)Bild. Die ersten fünf Tage sind vorüber gezogen und kurz vorm Ende des Tages – mal schnell, nur kein Dreck machen, um bloß das Erfüllen der Aufgabe im Blick – ein wenig Farbe auf weißes Papier gestrichen.

viele_bilder_im_selbstviele_bilder_im_selbstIIMontag, 01.06.15 | zwei Bilder | Zorn überdeckt Licht | Der Schrei ins Leere

Dienstag, 02.06.15 | zwei Bilder | the devil inside, eins | the devil outside, zwei

Mittwoch, 03.06.15 | verlagert auf den nächsten Tag | ein Bild | namenlos

Donnerstag, 04.06.15 | zwei Bilder | Seelensuche 1 | Seelensuche 2

Freitag, 05.06.15 | ein Bild | in der Angst gebunden

In der Zahl 40, so hörte ich, wohnt eine christliche Bedeutung. Dem gehe ich auch noch auf die Spur. Zunächst gewöhne ich mich daran, mit den Autoreifen die Fahrbahn zu berühren und unterwegs sein zu können. Ärgere mich – Selbstverständlichkeiten, die mir fremd sind und anderen so vertraut. Sehne mich nach dem Moment, wo auch bei mir die Selbstverständlichkeit den Zündschlüssel auf die Startposition dreht.

…. und manchmal ganz leise hadert eins der vielen Teile von mir; zaghaft fragt es sich, ob ich unterwegs sein darf, oder ob eine Erlaubnis nötig sei, um die Welt entdecken zu dürfen … freundlich reiche ich die Hand und erwidere … schau nur, wie vielfältig und facettenreich jede*r Winkel dieser Erde ist und wir sind ein Teil davon …

https://www.youtube.com/watch?v=x8Mf1GhyS5A

Im Frühling ein Mittwoch

IMG_20150415_202308Mittwoch, 15.04.2015

Imagination, die Vorstellungskraft als inneres Übungsfeld für den tatsächlichen Einsatz auf der alltäglichen Bühne und als Mittel der Überbrückung einer Zeit im Mangel.

Der Kuss als imaginierte Handlung bei geschlossenen Augen – die ersehnte Erlösung – das Erwachen – befreit vom Dämmerschlaf – unsichtbare Fesseln gelockert – und einzig durch die Vorstellung einer Berührung von aufeinander treffende Lippen;

das Gesicht als Maske und Maskierung; Lippen geschwungen; rot; weich, schnappen ins Leere,

vergraben im Kopfkissen der Aschenputtelträume

und schnappen wieder nur Luft

Identität verschwommen in Vergangenem und Zukünftigem, brüchig

die Nase versenkt sich in Mutter’s Erde

auf der Spur nach nährender Milch

Das Wechselspiel zwischen Verbergen und Sichtbar-WERDEN

Besessen den Phantasiebildern verfallen – wie den imaginierten Lippen,

die mit einem Kuss all das Unheil

auslöschen und

dich tragen

bis ans Ende der Welt.

Wo Mond und Sonne

verschmelzen

und der Sternenhagel wie Holzspäne

aus den plüschigen Wolken sich sanft über

Mutter Erde ergießt, die für alle Ewigkeit empfängt

Früchte verstreut mit windiger Betriebsamkeit

ein berührender Kuss;

menschliche Körper ergriffen, warm umbettet

in einer gemeinsamen Lache aus Wasser.

Quellen, die den Durst stillen und

Gesichter formen zu Masken aus rötlich schimmerndem Ton,

Personen werden erbaut und

Kinder backen aus Sand ein Haus!

Philosophie vom Glashaus …

Dienstag, 07.04.2015

Auf das Buchtitelorakel als tägliche Dosis Werbepost im Emailaccount ist Verlass. Besonders hübsch fand ich den Titel „Vergiss die Kunst. Schreib“ oder so ähnlich … Wie der Zufall manchmal spielt, führte ich ein Gespräch über den kreativen Schreibprozess, ohne den Einsatz von Suchtmitteln wie Nikotin und/oder Alkohol. Während ich am heutigen Tag ganz begierig nach Pfefferminz-Tee bin. Meist trinke ich beim Schreiben Wasser, Tee oder Milchkaffee (mit aufgeschäumter Milch). Ich vermisse die Zigarette nicht. Erst recht schreckt mich Alkohol ab, dem ich so gar nicht im kreativen Flow über den Weg traue. Wobei mir nach getaner „Arbeit“ es manchmal schwerer wird, mich nicht mit Alkohol zu belohnen. Beim Malen verspüre ich erst recht kein Verlangen nach Suchtmitteln. Das ist interessant. War ich vor allem im jugendlichen Eifer überzeugt, dass „wahre“ Künstler_innen eine Sucht brauchen, um als Künstler_innen zu gelten … ja ja die Vorurteile und Stereotype, die sich festsetzen.

Das Bloggen entspricht natürlich mehr einer täglichen Schreibübung, der ich nachgehe um das Schreiben als Regelmäßigkeit zu etablieren. Ich bin gespannt, wie sich mein weiterer Weg abzeichnen wird, wenn ich es wage, den Faden der Geschichte, die ich im Drehbuchschreibkurs begann, erneut aufnehme.

Aus diesem Grund bin ich innerlich im Dialog mit mir. Frage mich weiterhin, was macht für mich eine Liebesgeschichte aus – insbesondere wenn ich den Blick für Diversität von Lebensverläufen als Selbstverständlichkeit integrieren möchte. An welcher Stelle tappe ich in Fallen und wo sind meine wunden Punkte, an denen ich meine zu versagen?

Ebenso bin ich motiviert mit meiner Sprache für eine erzählte Geschichte sehr deutlich, klar und einfach im Ausdruck sein zu wollen. Es ist mir wichtig, eine Zugänglichkeit zu schaffen, die sich nicht selbst erhöhen braucht durch einen vermeintlichen akademischen Ton. Dies wird nicht so einfach, wie es klingt. Und enorm wichtig, um alltagsnah verständlich sein zu können – selbst bei Themen, die möglicherweise bisher gelebte Vorstellungen infrage stellen und dementsprechend Angst vor Ablehnung, Veränderung usw. auslösen …

Ich brauche viel Geduld mit mir. Heute überlegte ich, was der Pudelskern des Pförtner_innenjobs sei – im Glashaus sitzen und Kontrolle ausüben, den Überblick über das Geschehen im Außen nicht verlieren und im Inneren nicht aus Verzweiflung und Langeweile, die Kontrolle über sich selbst verlieren …? Danach strengte ich meinen Kopf an, um mich an Liebesfilme zu erinnern, die ich mag. So spontan fallen mir (erst mal) zwei Filme besonders ein – also so dass ich sie mir erneut anschauen würde … mmmh ist „Die Poetin“ ein Liebesfilm, zumindest ohne happy end? da fängt es schon wieder an .. der Zweifel nippt an der Teetasse …

 

robots oder die gemeine Hausfliege

Montag, 06.04.2015

Mein Wecker war heute auf halb fünf gestellt. Die Geräusche drangen so gegen sechs Uhr ernsthaft zu mir durch. Zu spät kam ich ins Büro und meine Stimmung entsprechend noch genervter als kurz nach dem Aufstehen.

Ich würde sehr gern Frida Kahlo fragen, ob ihr je geraten worden ist, ihre Augenbrauen sich schön zurecht zu zupfen … Manchmal lasse ich mich von Verschwörungstheorien verleiten, es hätten sich diverse robots auf meinen PC & Tablett breit gemacht. Kaum schreibe ich ein paar Gedanken für den blog nieder, bekomme ich von amazon Ratgeberliteratur als Empfehlung zugesandt.

Das nervt! Ich gehöre zu den Menschen, die durchaus Buchhandlungen, Flohmärkte und Secondhand Läden aufsuchen. Außerdem bin ich in der Lage, mich selbst mit entsprechender Lektüre (die bei mir eh immer mehr wird – mir graut vor dem nächsten Umzug) zu versorgen. Bibliotheken sind mir auch nicht fremd.

Und weshalb sollte ich Bücher über das glückliche Führen einer Ehe lesen? Um auf Literaturklassiker gestoßen zu werden wie Max Frisch, Tolstoi, Mann, Tucholskys, Virginia Woolf? Was soll das denn bitteschön? Ich habe bereits im jugendlichen Alter Hermann Hesse gelesen, kannte Böll, Kafka & Co (wer auch immer zum Co gehört)

Nur weil ich Veränderungen an meinem Körper bemerke, der mir scheinbar vermitteln will, besonders jetzt in eine sehr fruchtbare Phase meines Lebens zu rauschen – heißt das nicht automatisch – ich lasse alles stehen und liegen.

Eine andere Buchempfehlung titelt mit der Einsamkeit. Gibt Tipps und natürlich sind Anleitungsübungen dabei … mir geht das so langsam sehr auf den Keks!

Ich lese direkt etwas über die Arbeitsweise von Milton H. Erickson oder hole Michaela Huber, Luise Reedemann, Alice Miller u.a. aus dem Bücherregal – als den 10.000 Ratgeber, der sich wiederholt.

Wie wäre es mal mit Emotionen aushalten und annehmen, dass Einsamkeit ein Teil des ganzen Menschseins ist? Unabhängig davon dachte ich, dies sei eh alles Schnee von gestern – von wegen Singlehaushalte, rückläufige Geburtenrate, verminderte Fruchtbarkeit, Scheidungen, Trennungen, Wandel der Ehe als Institution – die ihre Bedeutung im Sinne der gegenseitigen finanziellen Versorgung (wohl hier auch eher für Menschen, die nicht von Armut, Abschiedung o.ä. betroffen sind) verliert?

All diese Themen habe ich während meines Studiums, was nun zehn Jahre in der Vergangenheit liegt, durchgekaut. Ebenso – ich sah auf 3sat eine Sendung, die über Postmoderne, Punk und Kunst informierte, bin ich überrascht, dass plötzlich Postmoderne sich als Debatte fortsetzt. Ich habe dazu Hausarbeiten geschrieben. Mich mit Zygmunt Bauman auseinandergesetzt, der Postmoderne/Moderne infragestellt und folgerichtig auf den Nationalsozialismus verweist, der innerhalb moderner gesellschaftlicher Strukturen funktioniert hat. Dementsprechend Vergleiche wie Moderne und Barbarei hinken. Hier ein Kommentar von Ulrich Beck http://www.taz.de/!147628/

Und natürlich sind die sozialen Systeme wie Kunst, Bildung, Wissenschaft als Teilsysteme nicht undurchlässig voneinander abgetrennt und abgeschlossen. Sie stehen im Austausch und bedingen einander.

Zudem, was manchmal gern vergessen wird, gab es 1989 gesellschaftliche Umbrüche und sozialer Wandel in ganz Europa. Auch von Globalisierung sprechen wir doch schon eine halbe Ewigkeit.

Anstatt mir Abnehmratgeber (was ich wirklich schon unverschämt finde) als Buchempfehlungen als Herz zu legen, könnte mich Amazon mal informieren, was die Menschen, die heute studieren – sei es Kunst, Politik, Soziologie, Film, Theater – bewegt und worüber sie schreiben, nachdenken und an welchen Utopien und Weltverbesserungsideen gebastelt wird.

Vermutlich sind Foucault, Goffman, Nietzsche, Kierkegaard, Max Weber, Luhnmann, Judith Butler noch so aktuell wie Hesse, Frisch, Kafka, Marlen Haushofer, Simone de Beauvoir, Susan Sontag und trotzdem wird sich der Blick weiten, öffnen und verändern.

Weil sich der Alltag verändert. Ich spreche mit lesbischen Freund_innen, die über eine Samenbank sich ihren Kinderwunsch erfüllen und dafür mehr zur Kasse gebeten werden als heterosexuelle Paare. Parallel gucke ich eine Dokumentation  auf ARTE über künstliche Befruchtung in den USA. Bin überrascht, was heterosexuelle Paare, die bereits Eltern von zwei Söhnen sind -, auf sich bürden, um unbedingt ein Mädchen auf die Welt zu bringen.

Ich brauche keine Dating-Internetportale. Ich bin zufrieden mit meiner Einsamkeit. Hadern, zweifeln, scheitern sind Bestandteile einer Persönlichkeitsentwicklung, die ebenso Beachtung verdienen.

Liebe*, sich einlassen, Zuneigung schenken und annehmen können – sind keine Gegenstände, die ich herstellen möchte -so als inszeniere ich ein Theaterstück. Da schreibe ich lieber, lese über von Tschechow und über die Dramatik des Erzählens.

Ich habe nicht mal mehr Lust und Zeit für Facebook. Und da erinnere ich mich auch … ich war eine mit der ersten, die studivz (existiert das heute überhaupt noch?) zu facebook wechselte. Damals wollte ich unbedingt den Gedanken der weltweiten Vernetzung unterstützen. Denn es gibt einfach zu viele Länder, in denen Öffentlichkeit beschränkt werden. Menschen müssen tatsächlich um ihr Leben bangen und bringe sich in Lebensgefahr, wenn sie sich äußern und vieles mehr.

Ich habe echt keine Lust mehr auf diese Amazon-empfehlungen. Mal sehen, was ich wohl morgen in der Emailpost als Werbung liegt.

Ich schreibe regelmäßig, weil es mir Freude bereitet. Es macht Spaß auf die Tastatur zu hauen. Die innere Auseinandersetzung ist mir selbstverständlich. Hürden, Hindernisse, Hemmnissen werden immer mal wieder auftauchen und hoffentlich schreibe ich bald eine Geschichte mit einem Ende, was mich zufriedenstellt. Ich brauche (aus sehr vielfältigen Gründen) die persönliche, biografische Auseinandersetzung, um in den kreativen Prozess einzutauchen, ohne darin zu ertrinken.

Für Ratgeberliteratur gebe ich mein Geld nicht mehr aus. Lieber Kino, Theater oder einfach eine tolle Serie auf DVD … und verdammt Frida Kahlo hat bestimmt auch niemand gesagt, sie solle sich rasieren oder mal wieder Sport treiben, um schön hübsch für den Diego oder eine andere Liebhaberin zu bleiben …

bernsteinfrau

Worte können Bilder malen …

Donnerstag, 02.04.2015

Zurzeit lese ich jeden Tag in einem Buch und manchmal sind es sogar verschiedene Bücher – zusätzlich griff ich zu nach zwei Romanen, die ein wenig warten müssen.

Heute beschäftigt mich wieder das das Drama um hochbegabte Frauen* (ich verwende hier bewusst genderbezogene Pronomen und Bezeichnungen, um Unterschiede sichtbar zu machen, damit ein Hinterfragen und die Suche nach Alternativen und Dekonstruktion möglicher werden). Schon wenn ich den Satz aufschreibe, machen sich Abwehr und eigene Abwertungsmechanismen bemerkbar. Im Herbst des Jahres 2013 hatte ich beschlossen, ich brauche dringend ein Coaching, um wieder etwas mehr Licht in meinen beruflichen Weg zu bringen.

Es ist interessant, wie ich mich selbst täusche. Ich (be)nutze spezifische professionelle Haltung und Erfahrung, um mir selbst eine Form von Nützlichkeit und Berechtigung zu erlauben, die allerdings mit reinem Denken und Reflektieren gar nicht fassbar werden können. Hinter diesem hochgesteckten Ziel stand vielmehr der Wunsch, endlich das Schreiben als einen festen Bestandteil meines Lebens anzuerkennen, zu integrieren und den Mut zu finden, dies offenherzig nach außen zu tragen.

Schon in der ersten Coachingstunde sprach ich über das Verhältnis zu meinen Eltern, so dass „Coaching“ an dieser Stelle lediglich als Brücke zu meinem therapeutischen Prozess, der längst überfällig war, sich schnell wandelte und das berufliche Ziel als eine grundsätzliche Suche nach Sinn enttarnte. Je tiefer ich in diesen Prozess einsteigen, umso mehr wächst in mir die Befürchtung ein eher zurückgezogenes Leben zu führen. Andererseits strafe ich diesen Gedanken als lächerlich ab – es verdeckt die Scham. Und zeigt nur den Teil, der sich ans Licht traut, weil es wohl eher höfliches Mitleid auslöst und weniger Widerstand und Konfrontation mit anderen bedeutet. Grabe ich nämlich tiefer, entdecke ich Stolz und eine Form von Befriedigung, die sich einstellt, wenn ich jeden Tag in Windeseile Silben und Worte aneinanderreihe mit einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, die mich manchmal ein wenig überrascht.

Trotzdem nagt die Unzufriedenheit bzw. die Vorstellung Ungenügend zu sein wütet – das Lesen, Schreiben, die innere Auseinandersetzung sind isolierte Tätigkeiten, die einerseits Zeit in Anspruch nehmen und andererseits Entscheidungen nach Prioritäten im alltäglichen Leben bedürfen. Das Unbehagen bezieht sich auf den fehlenden Familien- und Beziehungsstatus und Fragen nach Austausch und Abkehr von erlernten/verinnerlichten Beziehungsformen, die als Spiegel durch weibliche* Sozialisation an mir kleben – den übertragenden Ansprüchen nicht genügen und dafür einen Preis zu zahlen, den ich vielleicht (noch) nicht bereit bin in Kauf zu nehmen. Oder versteckt sich dahinter mehr der Wunsch nach Bestätigung und Bestärkung durch andere, die dich antreiben, weil es plötzlich wieder Sinn macht, Worte aufs Papier zu bringen?

In der Schulzeit nahm ich an Schreibwerkstätten teil. Ich wurde sogar bevorzugt. Ich hatte es in Gruppen schwer, mich laut zu zeigen. Der Schriftsteller Heinz Kruschel hat mich begleitet. Er schrieb mir Briefe, ermutigte mich und bemühte sich mein Talent für mich selbst sichtbar zu machen. Früh las ich Texte zu den Landesliteraturtagen in Sachsen-Anhalt. Ich traute mich allein, ohne elterliche Bestärkung – und vielleicht fehlte genau dieser Zuspruch, um zu lernen, wie ich Widerstände von anderen nutze und aushalte, damit es gelingt selbständig der Welt zu begegnen – ohne Lehrer, ohne Mentoren, ohne Ratgeber und ohne mir selbst ins Knie Begegnung in mir und  mit anderen als Schlüssel für das kreative Schreiben? 

Mittlerweile gibt es unzählige Schreibratgeber. Ich bin darüber ein wenig verwundert. Damals schrieb mir Heinz Kruschel noch mit Federhalter und Tinte Briefe, gab preis – welche Autoren ihn bewegten und was an meinen Gedichten und Texten ihn berührt und was weniger stimmig ist. Er wäre vermutlich nie auf die Idee gekommen, mir einen Schreibratgeber zu empfehlen. Es ging um Kontakt, Beziehung und Austausch – und dies hatte ich bitter nötig. Durch Heinz Kruschel lernte ich die Autorin Brigitte Reimann kennen, Gottfried Benn und fühlte mich getragen von dem Gedanken, mein eigenes Leben mit Schreiben auszufüllen. Ich sah mich wie Brigitte Reimann, die begierig die Lebendigkeit genoss –

Heute sehne ich mich nach solchen Orten, wie ich es als junge Frau erfahren durfte – ohne diese Facebooks-likes, mit handgeschriebenen Briefen und Begegnungen, die von anderen Autoren, Künstlern, Bildern, Texte, Gedichte geprägt sind – ohne die mögliche Veröffentlichung, den nächsten großen Fang auf dem Buch- oder Kunstmarkt in den Mittelpunkt zu rücken –

Es sind freundschaftliche Bindungen, die Einsamkeit und die manchmal sehr in sich zurückgezogene Tätigkeit des Schreibens und Malens teilen können –.

Immer mal wieder erprobe ich mich. Ringe um eine klare Struktur, der ich im Schreiben folgen will. Wie schreibe ich einen Krimi? Wie erzeuge ich Spannung? Was ist ein richtiger Roman? Wie schreibe ich bloß kein langweiliges Drehbuch?

ich scheitere! Ich sehe vor mir Brigitte Reimann, die auf die Tasten ihrer Schreibmaschine in Hoyerswerda klopft als sie mit ihrem Ehemann und Autor S. Pitschmann dem Ruf der Bitterfelder Wege folgte …

Ich mag die Poesie und weniger die strengen Regeln von Genres und die für mich quälenden Auseinandersetzungen nach Zielgruppe, Publikumsgeschmack und Vermarktungsmöglichkeiten.

Heute gibt es Studiengänge, Ratgeber, Workshops und Coaching – und trotzdem hilft es nicht – denn entscheidend ist (für mich), wie halte ich die Einsamkeit beim Schreiben aus – im Moment des Schreibens sitze ich mir selbst gegenüber, führe innere Monologe, male Bilder mit Worten und reise auf dem Papier – jedoch vielleicht nicht im realen Leben – ich liefere mich der Innenwelt aus und muss im Außen anderen gestehen, dass ich den Abend allein mit mir verbrachte.

Ich schreibe Sätze mit der Hand oder der Tastatur, übermale geht am PC nicht – hier lösche ich. Wie mit einem Tintenkiller, wenn ein Wort nicht schön genug scheint, der angreift und vernichtet.

Es gibt sogar Skriptcoaching – wofür ich vermutlich ziemlich viel Geld hinlegen muss, ohne am Ende zu wissen, wie gehe ich mit Widerständen um – wie setze ich mich für etwas ein, woran ich glaube, während andere vermuten, dass ich versagen werde.

Wer schreibt noch Abhandlungen, Briefe und Essays nur um in den Gedankenaustausch und Kontakt mit anderen zu treten – ohne ein therapeutisches, beraterisches oder erzieherisches Ziel zu verfolgen?

Die innere Vielfalt versus der äußeren Bewegtheit (Fähigkeiten wie Small talk, Reisefotos posten, likes sammeln, immer unterwegs sein, schreiben im zug, am bahnhof, in cafés – nur selten auf sich selbst und reduzierte Reize zurückgeworfen)

Ich lese jetzt Frauenbriefe aus der Romantik – ein Buch, was mir mein damaliger (Lebens)Partner zum 22.Geburtstag schenkte, uns verband das Schreiben und Lesen und uns trennte unterschiedliche, sich widersprechende Vorstellungen und Erwartungshaltungen von Männlichkeit und Weiblichkeit und vermutlich der Nutzen einer Liebesbeziehung, die nicht im gemeinsamen Zeugen, Gebären und Erziehen von Kindern mündet.

Er wählte den akademisch-wissenschaftlichen Weg mit einer akademisch-wissenschaftlich orientierten Frau an seiner Seite und gründete eine Familie* … ich nicht …

und inwiefern ich selbst das Fehlen solcher Entscheidungen als Makel und Stigma betrachte, darin bin ich mir unschlüssig – vielleicht finde ich Antworten in Briefen von anderen Frauen oder woanders oder wo auch immer ….

„Es ist dieses Ringen um ein eigenes Selbst, das einem Menschen Stärke gibt, das eigene Selbst und gleichzeitig den Kontakt zu einer auf vielen Ebenen unwirklichen gesellschaftlichen Realität aufrechtzuerhalten. Aus solchem Ringen kommt auch Freude an der eigenen Lebendigkeit und der des anderen. Indem solch ein Selbst jedoch nicht ein abstraktes Bild eines Image ist, sondern ein Zustand der Verbundenheit mit den eigenen Gefühlen sowie mit denen der anderen, kann es nur bestehen, wenn das Ringen um solche Verbundenheit lebendig bleibt. […] Deswegen ist Lebendigkeit Wandel, nicht Beständigkeit: deshalb kommt Stabilität aus der Fähigkeit, Spannungen zu ertragen; und kein einzelner ist immun gegen die verführerischen Versprechungen einer konfliktfreien Existenz.“ (Arno Gruen aus: Der Verrat am Selbst. Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau. DTV-Verlag, 2009 S. 151)

Anmerkung: Natürlich sehe ich diese Auseinandersetzung nicht so im Absoluten Schwarz/Weiß und in einer Polarisierung zwischen Entweder/Oder und Wertung im Sinne eines Hierarchisieren, was besser oder schlechter sei – dies mag ich mir überhaupt nicht anmassen und unterliegt nicht meiner Einschätzung und Intention. 

wenn ich groß bin, werde ich kranfahrerin!

Dienstag, 31.03.2015

wenn ich groß bin, werde ich ein dinoam freitag treffe ich mich mit anderen menschen, um das thema „masken- und rollenspiel“ – was zunächst auf der metaphysischen ebenen begann, in dem künstlerischen-kreativen prozess eine fassbare richtung zu verleihen –

einerseits möchte ich vorab zu wenig wie möglich vorbestimmen und andererseits geistern verschiedene vorstellungen, was ich gern probieren möchte, in meinem kopf herum. Heute griff zum katalog der ausstellung von ulrike rosenbach. Ich frage mich, wie es wohl wäre mit Menstruationsblut ein bild abzuschließen – der saft von rote beete war interessant – nur weniger dem weiblichen mythos unterlegen – und inwiefern ich mich selbst in form einer performance, die ich auf video festhalte, als eigene Maske nutze, um Unsichtbarkeit in den Mittelpunkt zu stellen und die Wandelbarkeit von körperlicher Präsenz während eine handwerklicher* Aktion vollzogen wird.

Außerdem fragte ich mich, inwiefern es möglich sei, den Ödipus-Komplex fernab von dichotomer Geschlechtlichkeit (männlich/weiblich) darzustellen. Heute beim Kaffee fiel mir ein, dass ich ja Arno Gruen im Bücherregal habe – und ich entschied mich noch mal gründlich das Kapitel „Die Entmenschlichung des Mannes und die Unterdrückung der Frau“ zu lesen.

Nur wie bringe ich all die Fäden zusammen … und weshalb ist mir es so wichtig? Ist die Angst vor der Menopause im Anmarsch, oder sind es die Fragen nach Einsamkeit und an welche sinnstiftenden Lebenszusammenhängen und Familien*konstellationen will ich mich binden? Oder lieber vorzugsweise der dornige Elfenbeinturm mit einer direkten Rutsche in die düsteren Kellerräume? Warum bin ich nur nicht Astronautin geworden?

Ich hänge für freitag meine videokamera erst mal an den Strom … immer schön einen schritt nach dem anderen …

Künstlerische Formen und Wege

Samstag und Sonntag – 28. & 29.03.2015

Kurz nach meinem Umzug – ich freute mich auf meine eigenen vier Wände, selbst wenn die Mieten in Großstädten unverschämt die Geldbörse schröpfen und aus diesem Grund ich mir nicht viel Wohnfläche leisten kann – trotzdem war es ein Fest. Ich bemerkte in mir den Wunsch, allein sein zu wollen. Keine (Zweck)WG. Genug Küche und Bad geteilt.

Nun saß ich auf meinem Bett und schaute übers Tablett noch TV. Plötzlich irritierte mich eine Spiegelung in der Balkontür. Zunächst blieb ich ungläubig und zweifelte an meiner Wahrnehmung. Irgendetwas zwang mich erneut zur Konzentration und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Vor der Balkonbrüstung stand eine Person und filmte oder fotografierte mit einem Iphone in mein Schlafzimmer. (und nein ich saß es trotz Erdgeschosswohnung nicht ein, mich von Beginn an total mit all möglichen Sicherheitsstandards auszurüsten und einzuigeln) Ich hatte bereits einen Wen Do-Kurs hinter mir und zwang mich zur Besonnenheit und sofortigem Handeln. Natürlich fand ich in der Panik mein eigenes Handy nicht, um die Polizei rufen zu können. Ich gab nicht auf und klingelte mitten in der Nacht meinen Nachbarn aus seiner  Wohnung, der für mich auf dem Balkon, der sehr im Dunkeln liegt nachts, nach schauen sollte.

Nach dieser Aktion (und Telefonaten mit Freund_innen, die mir auch sofort Unterstützung anboten) entschied ich mich zusätzlich die Polizei zu informieren, machte Aushänge im Haus, um Öffentlichkeit herzustellen, informierte meine Nachbarin und die Angst wurde trotzdem nicht weniger. Auf keinen Fall wollte ich den Rückzug antreten. Ich war erst eingezogen und mochte die Wohnung und dies sollte so bleiben.

Ich musste sehr kämpfen, um nachts überhaupt noch schlafen zu können. Jedes Geräusch ließ mich aufhorchen und Erinnerungen an andere über griffige Situationen kreisten in meinem Kopf. So bald es dunkel war, traute ich mich nicht mehr auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Obwohl ich mir schwor, in der neue Wohnung nicht zu rauchen, brach ich dieses Versprechen.

Dies war der Moment mit dem Ausdrücken der Zigarette im Aschenbecher, der mir signalisierte, ich muss dringend für mich sorgen. Ebenso weigerte ich mich, die Empfehlung der Polizistin anzunehmen, die meinte, es mache Sinn den Balkon zumindest mit einem Katzenschutznetz zu umwickeln. Ich saß mich vor meinem inneren Auge als der Vogel im Käfig, der neidisch auf das Treiben im Außen starrt. Stattdessen pflanzte ich wie wild Blumen mit Dornen und Stacheln.

Nun bin ich über neun Monate rauchfrei. Die Ruhelosigkeit und das Wälzen im Bett nahmen rapide zu, bis ich mich auf meine inneren Stimmen einließ – erst mal wirres Durcheinander und die Frage tauchte auf, bin ich zu erschöpft oder bin ich zu wenig ausgelastet. Wie ein Kind, dass den Auftrag hat, sich selbst in den Schlaf zu wiegen und mit dieser Aufgabe heillos überfordert ist. Der Körper sendet ungewohnte Signale, die keine Befriedigung erfahren, weil es dafür noch keine passenden Räume gibt.

So galt es mir Räume zu suchen, auszutesten und Vertrauen zu gewinnen und zu halten. Ich ging mehrfach in der Woche schwimmen. Das Wasser half mir, mich selbst tragen zu können. Nur die Angst blieb. Letztlich nach längere Überlegungen war ich überzeugt, eine Probestunde in der Frauenkarateschule Chikara erleben zu wollen. Und dort blieb ich.

Erstaunlicherweise verzog sich die Angst sehr höflich und dezent in den Hintergrund. Schnell spürte ich die Auseinandersetzung mit meinem Körper und der eigenen innewohnenden Aggression, die in Form von Kraft und Energie ein Ventil nach außen sucht, um geistig und körperlich präsent sein zu können. Der Kiai blieb mir im Halse stecken, bis ich fühlte – dass der Kampfschrei die gesamte Kraft meiner Atmung und Energie symbolisierte. Wenn heute – nach sieben Monaten Karatetraining – ein Kiai nicht gelingt, bin ich versöhnlich. Die Stille und der Fluss von Energien sind nicht berechenbar und manchmal versagt die Energie mitten auf dem Weg, um sich neu sammeln und bündeln zu können. Ich nutze im künstlerischen Prozess Überschreibungen im Bild – nicht um zu verstecken – sondern um korrigierenden Erfahrungen eine Möglichkeit der Entfaltung zu geben. Nach einem Wochenende und eine Einführung in das Schauspiel sah ich die Verbindungen zur Kampfkunst. Der Boden des Dojos eine Bühne, auf dem Wiederholungen geübt werden. Die Übung der Wiederholung ist Kunst. Sich in die Bewegungen der Partner_innen einzulassen, ohne das eigene Tempo aus dem Blick zu verlieren und ohne in ein stupides Funktionieren und Nachahmen zu verfallen. Das Roboter_innendasein ablegen und in die Augen des Gegenübers blicken, zu Überraschungen bereit, um den gemeinsamen Flow genießen zu können. Gestern probte ich in einem vierstündigen Workshop den Stockkampf. Eine Waffe* als Verlängerung und Bestärkung des eigen Körpers. Sich der eigenen machtvollen Position bewusst werden, abwehren und angreifen. Es ist eine Kraft, die ihre Zartheit und Zerbrechlichkeit beschützt und bestärkt mit Ausdruck und Kommunikation, die ein Sprechen über etwas, überflüssig macht.

Schon nach der ersten Karatestunde war ich begeistert – vor allem kein sich beweisen müssen – in einer verbissenen Form von Überlegenheit und jemanden besiegen zu wollen/müssen – keine plumpe Demonstration von Kraft und Stärke – sondern die innere Steifheit loslassen, um dem Körper Bewegungsfreiheit zu schenken. Mich hinderte zunächst die eigene verinnerlichte Vorstellung von Hierarchie und Unterlegenheit. Es war mir ein Bedürfnis meinen schwarzen Keikogi selbstbestimmt zu kaufen. Ich beschloss, solange es einen Teil in mir gibt, der den den Karateanzug mit einer konformen Uniform assoziiert, ist es für mich zu früh, um respektvoll den Gi (Kurzform von Keikogi) aus meinem Dojo zu tragen.

Seit einigen Tagen fühle ich eine immer stärker werdende Veränderung – und für das Malen brauche ich ebenfalls Kleidung. Ich werde wohl bald wechseln. Ein Gi aus meinem Dojo fürs Karatetraining und ein bereits getragener Gi ohne Gürtel fürs Malen. Ebenso hänge ich am Weißgurt – der Schnee liegt auf der Landschaft. Der Anfängergeist im täglichen Leben. Manchmal leide ich unter meinen eigenen Enge, suche in Büchern nach Notausgängen und bin wiederum getrieben vom Zweifel, der anklopft und hinterfragt, inwiefern der Prozess lebendiger in sich wachsen kann, ohne Bücher als Wegweiser aufzuklappen. Natürlich wollte ich von meiner Sensei wissen, ob es darüber ein Buch gibt – sie empfahl mir von Daisetz T. Suzuki: „Zen und die Kunst zu siegen, ohne zu kämpfen“ und eine Textstelle, die ich spontan aufschlug, scheint mir ein gelungener Abschluss für meinen (auf)geschriebenen Weg am heutigen Sonntag:

„Im kendo (Schwert-Weg) kommt es neben dem Element der Technik vor allem auf das spirituelle Element an, das die Kunst in allen Teilen und Phasen beherrscht. Gemeint ist ein Geisteszustand, der munen oder muso – „Nicht-Denken“ oder „Nicht-Reflexion“ genannt wird. Das heißt mehr als bloß frei zu sein von Gedanken, Ideen, Gefühlen und so weiter, wenn man mit dem Schwert in der Hand dem Gegner gegenüber steht. […] Diesen Geisteszustand nennt man auch „Ichlosigkeit“ oder „Nicht-Ich“; man hegt hier keine ichbezogenen Gedanken, ist völlig frei vom Bewusstsein eigener Leistungen und Errungenschaften. Der sogenannte Geist des „Allein“ […]“ (S. 65, Verlag Herder: 1999)

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