eiszeitFreitag, 30.01.2015

Es gibt Momente tiefer Enttäuschung. In solchen Augenblicken treibt die Sprachlosigkeit ihr Unwesen, verwüstet Hoffnungen und setzt die Zuversicht stark unter Bedrängnis.

Vor einigen Wochen bat ich eine Freund_in, mir einen neuen Namen zu geben. Zunächst löste meine Bitte Verwirrung aus und wenig später war die Bernsteinfrau geboren. Im letzten Jahr blätterte ich immer wieder gern und manchmal ganz spät in der Nacht in Briefen, die ich nie abschickte. Schaute auf Fotos aus meiner Kindheit und suchte nach Erinnerungen, die zeigen, wer ich bin und woher ich komme. Dabei stelle ich fest, dass Ambivalenzen kaum sichtbar sind. Sie sind in uns, während im Außen alles recht gemütlich wirkt.

Ich wollte unbedingt jeden Tag ein Bild festhalten. Jeden Tag. Damit etwas bleibt im Fließen der Zeit. Fernab von Funktionalität nahm ich mir vor Gesicht zu zeigen. Das Innere nicht verstecken hinter der gut geputzten Kaffeetasse und dem Zuckerstückchen aus der Zuckerdose. Besonders schwer fällt mir die Traurigkeit festzuhalten. Ich will sie loswerden, ertrinken im Wein oder vergessen im Alltagssumpf. Meist schlägt dann der Intellekt zu, der anderen die Welt erklären will. Eine Form des Intellekts, der das Herz vereist, um überleben zu können. Enttäuschung und Traurigkeit werden still gelegt, ganz tapfer und erbarmungslos, bis die Sonne wieder scheint.

Außerdem stelle ich mir immer wieder selbst gern ein Bein. Der Perfektionismus schleicht sich über die Hintertür ein und übernimmt klammheimlich, während ich mit der Vereisungsarbeit alle Hände voll zu tun habe, das Ruder. Die Ereignisse überschlagen sich, bis dann innen und außen verschwimmt, die Motoren qualmen und Erstarrung sich übers Land legt. Jeder Schritt ist schwer und fühlt sich nach Pflichterfüllung an. Ganz versunken und vergessen, dass ich mir selbst diese Regeln aufstelle. Alles ist vernebelt und Stimmen wiederholen: „Aus dir soll doch etwas werden, vergeude nicht deine Zeit!“ Es ist ein schriller Kanon aus der Heimat.

Jeden Tag gibt es unzählige Bilder. Ich werde nie einfangen können, was das Leben bietet. In meiner Enttäuschung und Trauer zeige ich mutig meine Tränen. So lange ich das Schreiben als Pflicht empfinden, müssen die Tasten ruhen. Die zwanghafte Suche endet in der Erstarrung und zurück bleibt eine leere Hülle, die von außen glänzt und im Inneren sich die Leere ins Fäustchen lacht.

Diese Woche habe ich Heimat 1 beendet, begebe mich nun in die Chronik einer Jugend mit Heimat 2. Las zwei Bücher aus und griff aus einem ganz wundersamen Impuls heraus zu Oscar Wilde, „Das Bildnis von Dorian Gray“ und halte fest: „Menschen, die treu sind, kennen nur die gemeine Seite der Liebe: Die Treulosen sind es, die die Tragödien der Liebe erfahren.“

Treue und Verbundenheit loslassen, um eingebrannte Bahnen verlassen zu können. Ich genieße die Leichtigkeit und wünsche mir, dass ich ganz zart und leise der Traurigkeit lauschen kann.

Lieber über einen schimpfenden Vogel im Baum freuen, als die Wege gehen, die wie Blei als Beschwerung in den Schuhe das Blut abschnüren; am Laufen im eigenen Tempo hindern. Es gibt keinen stillstand, auch wenn manchmal alles schweigt.

die bernsteinfrau

Fehler, vergessene Wörter u.a. bessere ich zur Zeit nicht aus. Alles hat seine Zeit … der tag wird kommen.

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