robots oder die gemeine Hausfliege

Montag, 06.04.2015

Mein Wecker war heute auf halb fünf gestellt. Die Geräusche drangen so gegen sechs Uhr ernsthaft zu mir durch. Zu spät kam ich ins Büro und meine Stimmung entsprechend noch genervter als kurz nach dem Aufstehen.

Ich würde sehr gern Frida Kahlo fragen, ob ihr je geraten worden ist, ihre Augenbrauen sich schön zurecht zu zupfen … Manchmal lasse ich mich von Verschwörungstheorien verleiten, es hätten sich diverse robots auf meinen PC & Tablett breit gemacht. Kaum schreibe ich ein paar Gedanken für den blog nieder, bekomme ich von amazon Ratgeberliteratur als Empfehlung zugesandt.

Das nervt! Ich gehöre zu den Menschen, die durchaus Buchhandlungen, Flohmärkte und Secondhand Läden aufsuchen. Außerdem bin ich in der Lage, mich selbst mit entsprechender Lektüre (die bei mir eh immer mehr wird – mir graut vor dem nächsten Umzug) zu versorgen. Bibliotheken sind mir auch nicht fremd.

Und weshalb sollte ich Bücher über das glückliche Führen einer Ehe lesen? Um auf Literaturklassiker gestoßen zu werden wie Max Frisch, Tolstoi, Mann, Tucholskys, Virginia Woolf? Was soll das denn bitteschön? Ich habe bereits im jugendlichen Alter Hermann Hesse gelesen, kannte Böll, Kafka & Co (wer auch immer zum Co gehört)

Nur weil ich Veränderungen an meinem Körper bemerke, der mir scheinbar vermitteln will, besonders jetzt in eine sehr fruchtbare Phase meines Lebens zu rauschen – heißt das nicht automatisch – ich lasse alles stehen und liegen.

Eine andere Buchempfehlung titelt mit der Einsamkeit. Gibt Tipps und natürlich sind Anleitungsübungen dabei … mir geht das so langsam sehr auf den Keks!

Ich lese direkt etwas über die Arbeitsweise von Milton H. Erickson oder hole Michaela Huber, Luise Reedemann, Alice Miller u.a. aus dem Bücherregal – als den 10.000 Ratgeber, der sich wiederholt.

Wie wäre es mal mit Emotionen aushalten und annehmen, dass Einsamkeit ein Teil des ganzen Menschseins ist? Unabhängig davon dachte ich, dies sei eh alles Schnee von gestern – von wegen Singlehaushalte, rückläufige Geburtenrate, verminderte Fruchtbarkeit, Scheidungen, Trennungen, Wandel der Ehe als Institution – die ihre Bedeutung im Sinne der gegenseitigen finanziellen Versorgung (wohl hier auch eher für Menschen, die nicht von Armut, Abschiedung o.ä. betroffen sind) verliert?

All diese Themen habe ich während meines Studiums, was nun zehn Jahre in der Vergangenheit liegt, durchgekaut. Ebenso – ich sah auf 3sat eine Sendung, die über Postmoderne, Punk und Kunst informierte, bin ich überrascht, dass plötzlich Postmoderne sich als Debatte fortsetzt. Ich habe dazu Hausarbeiten geschrieben. Mich mit Zygmunt Bauman auseinandergesetzt, der Postmoderne/Moderne infragestellt und folgerichtig auf den Nationalsozialismus verweist, der innerhalb moderner gesellschaftlicher Strukturen funktioniert hat. Dementsprechend Vergleiche wie Moderne und Barbarei hinken. Hier ein Kommentar von Ulrich Beck http://www.taz.de/!147628/

Und natürlich sind die sozialen Systeme wie Kunst, Bildung, Wissenschaft als Teilsysteme nicht undurchlässig voneinander abgetrennt und abgeschlossen. Sie stehen im Austausch und bedingen einander.

Zudem, was manchmal gern vergessen wird, gab es 1989 gesellschaftliche Umbrüche und sozialer Wandel in ganz Europa. Auch von Globalisierung sprechen wir doch schon eine halbe Ewigkeit.

Anstatt mir Abnehmratgeber (was ich wirklich schon unverschämt finde) als Buchempfehlungen als Herz zu legen, könnte mich Amazon mal informieren, was die Menschen, die heute studieren – sei es Kunst, Politik, Soziologie, Film, Theater – bewegt und worüber sie schreiben, nachdenken und an welchen Utopien und Weltverbesserungsideen gebastelt wird.

Vermutlich sind Foucault, Goffman, Nietzsche, Kierkegaard, Max Weber, Luhnmann, Judith Butler noch so aktuell wie Hesse, Frisch, Kafka, Marlen Haushofer, Simone de Beauvoir, Susan Sontag und trotzdem wird sich der Blick weiten, öffnen und verändern.

Weil sich der Alltag verändert. Ich spreche mit lesbischen Freund_innen, die über eine Samenbank sich ihren Kinderwunsch erfüllen und dafür mehr zur Kasse gebeten werden als heterosexuelle Paare. Parallel gucke ich eine Dokumentation  auf ARTE über künstliche Befruchtung in den USA. Bin überrascht, was heterosexuelle Paare, die bereits Eltern von zwei Söhnen sind -, auf sich bürden, um unbedingt ein Mädchen auf die Welt zu bringen.

Ich brauche keine Dating-Internetportale. Ich bin zufrieden mit meiner Einsamkeit. Hadern, zweifeln, scheitern sind Bestandteile einer Persönlichkeitsentwicklung, die ebenso Beachtung verdienen.

Liebe*, sich einlassen, Zuneigung schenken und annehmen können – sind keine Gegenstände, die ich herstellen möchte -so als inszeniere ich ein Theaterstück. Da schreibe ich lieber, lese über von Tschechow und über die Dramatik des Erzählens.

Ich habe nicht mal mehr Lust und Zeit für Facebook. Und da erinnere ich mich auch … ich war eine mit der ersten, die studivz (existiert das heute überhaupt noch?) zu facebook wechselte. Damals wollte ich unbedingt den Gedanken der weltweiten Vernetzung unterstützen. Denn es gibt einfach zu viele Länder, in denen Öffentlichkeit beschränkt werden. Menschen müssen tatsächlich um ihr Leben bangen und bringe sich in Lebensgefahr, wenn sie sich äußern und vieles mehr.

Ich habe echt keine Lust mehr auf diese Amazon-empfehlungen. Mal sehen, was ich wohl morgen in der Emailpost als Werbung liegt.

Ich schreibe regelmäßig, weil es mir Freude bereitet. Es macht Spaß auf die Tastatur zu hauen. Die innere Auseinandersetzung ist mir selbstverständlich. Hürden, Hindernisse, Hemmnissen werden immer mal wieder auftauchen und hoffentlich schreibe ich bald eine Geschichte mit einem Ende, was mich zufriedenstellt. Ich brauche (aus sehr vielfältigen Gründen) die persönliche, biografische Auseinandersetzung, um in den kreativen Prozess einzutauchen, ohne darin zu ertrinken.

Für Ratgeberliteratur gebe ich mein Geld nicht mehr aus. Lieber Kino, Theater oder einfach eine tolle Serie auf DVD … und verdammt Frida Kahlo hat bestimmt auch niemand gesagt, sie solle sich rasieren oder mal wieder Sport treiben, um schön hübsch für den Diego oder eine andere Liebhaberin zu bleiben …

bernsteinfrau

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