Überreife Zeiten oder wie wäre es mit einem Gütesiegel für Fahrschulen?

12.März 2016

… im Jahr 1999 hielt ich meinen Führerschein in der Hand. Sechzehn Jahre später traute ich mich ans Steuer. Einerseits überforderte mich die neugewonnene Bewegungsfreiheit und andererseits wühlte die Wut in mir. Nach ein paar Fahrstunden in einer Kölner Frauenfahrschule wagte ich mich auf die Straßen. Zugegebenermaßen bewaffnet und vollgestopft mit Rescue- Präparaten rollte ich das Auto über den Asphalt, aber es lief.

Während im Jahr 1999 ich wohl eher gewillt war, den Führerschein wie eine Trophäe, für die ich in den Ring steigen musste, zu lagern – damit nie_mensch auf die Idee käme, mir dieses Dokument wieder abzunehmen. Es war der Beleg, dass ich unzählige Fahrstunden überlebt hatte. Kurz vor dem Abitur schlug es in eine Welle um. Alle* leisteten sich den Führerschein, um mobil, flexibel und beweglich zu sein. Kaum vorstellbar wäre es gewesen, sich auf dem Arbeitsmarkt ohne diesen Lappen zu präsentieren.

Ich war eher gelassen, konzentriert auf den baldigen und ungeduldig erwarteten Beginn des Studiums; trotzdem beugte ich mich der elterlichen Sorge um die Zukunft (ohne Führerschein verloren und ausgeschlossen zu sein).

Heute weiß ich, sich äußeren Erwartungen hinzugeben und anzupassen, entpuppt sich meist als Einbahnstraße. Im Grunde wurde es schlimmer. Unendlich viele Fahrstunden, drei praktische Prüfungen nicht bestanden und das Schuldgefühl, die arbeitslosen Eltern endgültig in den finanziellen Ruin zu treiben, verbiß sich schmerzvoll im Nacken. Es wurde noch schlimmer. Nämlich durch diese sabbernden männlichen* Fahrlehrer, die mit jedem Satz, der ihre geifernden Münder verließ, sexistische Kack scheiße verbreiteten. Statt geduldig einfache Regeln, Tipps und Hinweise zu vermitteln, damit Fahrschüler_innen weniger verängstigt und unsicher in die nächste praktische Fahrprüfung starten können.

Und heute im Jahre 2016 ist es noch viel schlimmer: Indem weiterhin Frauen*, während sie* um an (Bewegungs)Freiheit, Unabhängigkeit und Autonomie zu gewinnen, sich in einem Fahrschul-Auto anschnallen, sexistischen Übergriffen unter der Gürtellinien ausgeliefert* sind. Wahrscheinlich – so wie ich als achtzehn Jährige damals – am Ende der Fahrschulzeit Frauen* froh sind, keinen physischen Angriffen ausgesetzt gewesen zu sein, landet der Führerschein schnell in der verdrängten Dunkelheit. Ähnlich wie die unsichtbare Tatsache, dass die subtile Bedrohung eines physischen Angriffs durch den Fahrlehrer auf den hinteren Sitzen des Autos in jeder Stunde mitfuhr.

So kam es, dass ich (nach dem die Wut über vergangenen und heutigen Sexismus im Alltag hörbare Worte fand) neulich mit einer Bekannte, die frisch die Führerscheinprüfung bestanden hatte, mir einig war. Es ist überreif – die Zeit schreit nach einem Gütesiegel für Fahrschulen, die geschult sind und geprüft werden, was  es bedeutet verantwortlich und professionell zu handeln – unabhängig vom scheinbar äußerlich lesbaren Geschlecht –  Ein Siegel, um Fahrschüler_innen stark für die Straßen zu machen; was es heißt, gewaltfrei zu kommunizieren, angstfrei zu lernen und Ressourcen zu teilen.

Zum Weiterlesen: https://wineandvaginas.wordpress.com/2015/08/03/apropos-fahrschule/

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